Keine Bühne, umso mehr Zweifel

Der Lockdown frisst sich in die Seelen

Nicht viele Bands haben es wie AnnenMayKantereit oder The Notwist in der pandemischen Zeit zu einem Album gebracht. Nicht viele Bands können sich hierfür persönlich treffen, haben die Ressourcen, das benötigte Equipment oder die erforderliche Zeit für eine wochen- oder sogar monatelange Produktionsphase, etwa weil sie Angehörige pflegen oder den Unterricht ihrer Kinder von zuhause betreuen.

Zumal ein Album zwar Output und damit Sichtbarkeit, aber noch lange keine finanzielle Sicherheit bedeutet. In Zeiten der allgegenwärtigen, schnellen Verfügbarkeit von Musik durch Streamingdienste verdient man als selbständige Musiker*in durch eine Veröffentlichung wenig bis gar kein Geld. CD-Verkäufe sind eine Sache der Neunziger- und Nullerjahre. Als Musiker*in lebt man primär vom Live-Geschäft, das heißt von verkauften Tickets eigener Tourneen oder den Gagen durch Festivalbookings. Das dort verkaufte Merchandise ist so etwas wie das Trinkgeld obendrauf. 
Zwar hatte etwa die Initiative Musik mit Unterstützung der Kulturstaatsministerien Grütters die Förderprogramme für Musiker*innen in der zweiten Hälfte des letzten Jahres verstärkt, aber auch hier sind die allermeisten Antragsteller*innen leer ausgegangen.

Selbst Nebenjobs gibt es nicht mehr

Nebenjobs in der Gastronomie und im Einzelhandel, die für Musiker*innen und andere Bühnenmenschen auf Durststrecken finanzielle Ausweichmöglichkeiten sind, fallen im Lockdown auch weg. Also heißt es, das ersparte oder für zukünftige berufliche Investitionen beiseite gelegte Geld so weit aufzubrauchen, bis man berechtigt ist, die Grundsicherung zu beantragen. Bye bye, Altersvorsorge.

Parallel versuchen Bookerinnen und Booker, bei einigen Bands sind das auch mitunter Instrumentalist*innen in Personalunion, doch noch irgendwie in die Glaskugel zu schauen und eine Tour in einen Zeitraum hineinzuplanen, in dem Konzerte wieder möglich und kostentechnisch tragfähig sind. Die Realität der letzten zehn Monate zwang die hoffnungsvollen Konzertplaner*innen immer wieder in die Knie: Manche Tour musste bislang dreimal verschoben werden. Sowas schlägt solange aufs Gemüt, bis sich irgendwann die Sinnfrage von ganz alleine stellt.

Menschen, die auf den Bühnen arbeiten, können meistens noch ihre Fans und Supporters adressieren und über Social Media mit ihnen in Kontakt bleiben. Menschen, die abseits der Bühne in der gleichen Branche in der prä-pandemischen Zeit ihr Geld verdienten, können sich nicht so ohne weiteres eine digitale Streicheleinheit abholen und sich darüber ihrer selbst vergewissern.

Was, wenn das noch ewig so weitergeht?

Und so nagt sich der Zweifel von allen Seiten durch die Monate, durch die Hoffnung auf die endgültige Wirksamkeit der Corona-Maßnahmen, durch das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Was, wenn das auf unbestimmte Zeit noch so weiter geht? Was, wenn die Hilfspakete für die Veranstaltungsbranche wieder nicht greifen oder zu gering ausfallen? 
Was, wenn die Impfstoffe den Virusmutationen nicht gewachsen sind, und die in Aussicht gestellte sogenannte Herdenimmunität nicht eintreten wird? 
Wenn die Regierung weiterhin unzumutbare Entscheidungen trifft, und man konstant im Zwiespalt steht, Maßnahmen einzuhalten, die zwar der Sache dienen, eine*n aber wirtschaftlich und psychisch ruinieren?

Was, wenn die Querdenken-Bewegung das Erstarken des rechten Spektrums dauerhaft begünstigt und manifestiert? 
Was, wenn zwar die Pandemie bekämpft wurde, aber man den Anschluss an die Zeit davor nicht mehr findet? Wenn der Glaube an die eigenen kreativen Fähigkeiten den Kampf gegen die sich immer wieder aufbäumende Depression verloren hat? 
Planungsunsicherheit ist schon nervenaufreibend genug. Aber wenn der wachsende Vertrauensverlust in die Politik, die tiefe Sehnsucht nach dem gemeinsam gesungenen Lied und die Orientierungslosigkeit im eigenen Innern sich gegenseitig verstärken, braucht es eigentlich eine psychische Widerstandsfähigkeit, die diese Gesellschaft sich nie beigebracht hat. 
Von zuverlässigen sozialen und finanziellen Auffangnetzen ganz zu schweigen.