Eine komplizierte Entführung

Was tun, wenn man dem eigenen Folterer begegnet?

Haftstrafe, Folter und die passende Rache für das Angetane sind die Themen, derer sich Jafar Panahi in seinem neuen Film „Ein einfacher Unfall“ angenommen hat. Die Auswahl verwundert nicht, hat der iranische Regisseur doch selbst im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran eingesessen. Eine neuerliche einjährige Haftstrafe und zwei Jahre Ausreiseverbot sowie das Verbot jeglicher politischer Tätigkeit wegen Regimekritik wurden im Dezember 2025 während seines Auslandsaufenthaltes verhängt, bei dem er – passend – Interviews zu seinem Film geben wollte. Immerhin hat Panahi im letzten Jahr mit „Ein einfacher Unfall“ einen der wichtigsten Filmpreise – die Goldene Palme der Filmfestspiele Cannes für den besten Beitrag – gewonnen. Kritiker sagen: Diese Preisvergabe ist eine rein politische Entscheidung gewesen. Aber wenn man sich die Produktionsbedingungen so anschaut – alle Darsteller wie Teammitglieder können jederzeit damit rechnen, verfolgt zu werden –, dann ist das schon ein Meisterwerk.

Regisseur Panahi verarbeitet die eigenen Knasterfahrungen

Seine Knasterfahrungen verarbeitet der Regisseur wie immer im Rahmen größerer philosophischer Fragestellungen. Panahi lässt sein Ensemble in eine recht wirklich erscheinende Szenerie stolpern: Der Automechaniker Vahid war verhaftet und interniert worden, weil er ausstehenden Lohn angemahnt hatte. Im Gefängnis wurde er, wie seine Zellengenossen, vom Beamten Egbal gefoltert, kopfüber stundenlang von der Decke hängend. Seine Augen waren dabei verbunden, er weiß bis jetzt nicht, wie der Folterer aussieht. 
Aber der hatte eine quietschende Beinprothese. Und genau ein solches Quietschen vernimmt er nun bei einem Kunden, der nach einem Unfall eine Autopanne hat. Er greift Egbal an, zwängt ihn in eine Kiste und informiert ehemalige Häftlinge, die den Fang endgültig überführen sollen. Die ungewöhnliche Reisegesellschaft ist in der Rushhour Teherans unterwegs, Panahi lässt uns an dem alltäglichen Chaos teilhaben. Auf ihrer Tour de Force diskutieren die Entführer, wie sie Gerechtigkeit erfahren können, weil ihnen das simple "Rache nehmen" am Folterknecht keine Ruhe bringen würde. Weil sie selbst weder Schläger noch Mörder sind, ist es ihnen bald zuwider, ihm einfach ihrerseits Gewalt anzutun.

Ein Sittengemälde der iranischen Gegenwart

Vahid und seine Mitstreiter leiden durchaus an dem Zustand, sind traurig wie wütend und ratlos. Zur Rede gestellt, gibt Egbal an, was wohl die meisten staatlich bestellten Quälgeister auch sagen würden: „Ich habe nur meine Arbeit getan, ich habe Familie.“ Es entsteht ein an absurden Szenen reicher Film, der immer wieder auf die routinierte Korrumpierbarkeit des Apparats zu sprechen kommt: Da halten die Beamten an der Verkehrskontrolle gewohnt die Hand fürs Bakschisch auf und verhaften die Beifahrerin dennoch, wenn ihr Schleier nicht richtig sitzt. A world in a nutshell: Panahi liefert ein Sittengemälde der iranischen Gegenwart. 

„Ein einfacher Unfall“. F/LUX/IRN 2025. Regie: Jafar Panahi. Mit Vahid Mobasseri, Maryam Afshari. Kinostart: 8. Januar 2025