Prekäres Radrennen
Souleyman steht schwer unter Druck: In zwei Tagen ist sein Gespräch bei der Behörde in Paris, dann entscheidet sich, ob er einen Aufenthaltstitel bekommt. Mit seinem zwielichtigen Berater Barry paukt er für Geld, das er kaum hat, eine Geschichte als politischer Flüchtling ein, die sich dem Zuschauer schnell als erfunden entpuppt. In Wirklichkeit ist der junge Mechaniker nach Frankreich gekommen, um Geld zu verdienen und damit seine psychisch kranke Mutter zu unterstützen.
„Souleymans Geschichte“ lautet auch der Titel des neuen Spielfilms von Boris Lojkine – und darin geht die reale Geschichte Souleymans so weiter: Mit seinem halb legalen Status hat er kaum Zugang zum Arbeitsmarkt. Daher mietet er das Konto eines Fahrradkuriers bei einem Lieferdienst, dessen Inhaber sich das gut bezahlen lässt. Hin und wieder sucht Souleyman ihn auf, um Geld zu holen und das Konto per Gesichtsscan autorisieren zu lassen. Und schleunigst muss er Barry bezahlen, der ihm Dokumente aus seinem angeblichen Herkunftsland Guinea verschafft. Aber es bereitet Souleyman sehr viel Mühe, jemand zu sein, der er nicht ist.
Unterdessen ist er ununterbrochen als Rider auf Tour – unter nicht weniger Druck: Kunden bezahlen das Essen nicht („zu kalt“) oder Restaurants lassen ihn mit der Zubereitung warten („zu voll“). Bei den nächtlichen Touren mit dem Fahrrad sind zudem Unfälle eingepreist. Konkurrenzdruck und Neid verschärfen die prekäre Lage – am unteren Ende der Job-Hierarchie ist die Luft dick. Übernachtet wird im Obdachlosenasyl.
„Souleymans Geschichte“ ist die von Menschen in Frankreichs Hauptstadt, die keine oder die falschen Papiere haben, aber den Laden durchaus am Laufen halten. Regisseur Lojkine ist um größte Authentizität bemüht und dreht daher mit Laien.
Sein Hauptdarsteller Abou Sangaré weiß genau, wie die Maschine funktioniert: Die Geschichte Souleymans und seiner Mutter ist seine eigene, sie wurde ins Drehbuch integriert, der Darsteller stammt selbst aus Guinea. Kein Wunder, dass ihm die Rolle authentisch gelingt, er hat bereits mehrere Darstellerpreise dafür erhalten. „Bei Sangaré habe ich Elemente seiner persönlichen Geschichte genommen, um sie in den Film einzubringen“, sagt Lojkine. Wenn Souleyman im Film seine wahre Geschichte erzähle – von seiner Reise, der Mutter –, „spricht Sangaré als Souleyman eigentlich über sich selbst“.
„Souleymans Geschichte“. F 2024. Regie: Boris Lojkine. Mit Abou Sangaré, Nina Meurisse. Kinostart: 19. Februar 2025