Programmdebatte

Der ländliche Raum darf nicht verloren gehen

Die Zahlen sind alarmierend, die Tendenz eindeutig: Die AfD dominiert den ländlichen Raum, während demokratische Parteien es immer schwerer haben, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Der ländliche Raum droht, sich Stück für Stück aus der demokratischen Kultur zu verabschieden – und genau hier steht die Bundespartei der Linken vor einer zentralen Aufgabe.​

Dieser Text richtet sich ausdrücklich nicht gegen die Basis im ländlichen Raum. Wer vor Ort Politik macht, weiß, wie aufwändig und komplex Sichtbarkeit, Organisation und Ausdauer in der Fläche sind. Die Frage richtet sich vielmehr an die Bundespartei: Reicht es, fast ausschließlich auf den urbanen Raum zu setzen – oder braucht es endlich eine klare, langfristige Strategie für Dörfer, Kleinstädte und ganze Landkreise?​

Die bittere Realität im ländlichen Raum

Das Beispiel Brandenburg - bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD in Brandenburg 32,49 Prozent der Zweitstimmen und gewann acht von neun Direktmandaten, einzig Potsdam blieb ausgenommen. In Kommunen wie Hirschfeld im Süden Brandenburgs stimmten 61,3 Prozent für die AfD, in der kleinsten Gemeinde Jämlitz-Klein Düben waren es 60,3 Prozent. Ähnliche Muster zeigen sich in der Prignitz mit 35,1 Prozent, in der Grenzregion zu Polen mit 34,4 Prozent und in schrumpfenden Wahlkreisen mit 35,5 Prozent AfD-Stimmenanteil. Gleichzeitig flog Die Linke Brandenburg bei der Landtagswahl 2024 mit 2,89 Prozent aus dem Landtag – ein Ergebnis, das bis heute kaum aufgearbeitet ist.​

In Sachsen-Anhalt liegt die AfD laut Umfragen bei rund 39 Prozent, Die Linke bei etwa 12 Prozent – ein Zeichen vorhandener Verankerung, aber kein Gegengewicht, das den Trend wirklich brechen könnte. Ähnliche Entwicklungen gibt es in ländlichen Regionen Bayerns, Baden-Württembergs und Niedersachsens: Der ländliche Raum droht zum rechtsextremen Stammland zu werden – in manchen Gegenden ist er es faktisch schon. Lehrkräfte, die Demokratiebildung vermitteln, leben mit massiven Angriffen, Initiativen wie CSDs oder Vielfaltsprojekte werden zur Zielscheibe, etwa in Bad Freienwalde oder durch Aktionen des III. Wegs wie die „Schuloffensive“ in Senftenberg.​

Ein weiteres Beispiel aus Brandenburg macht die Entwicklung greifbar: Liebenwalde im Landkreis Oberhavel, eine Kleinstadt mit rund 4.500 Einwohner*innen. 2004 erreichte die PDS dort mit den Zweitstimmen etwa 26 Prozent und wurde zweitstärkste Kraft, 2009 holte Die Linke noch rund 20 Prozent. Bei der Landtagswahl 2024 waren es nur noch 2,3 Prozent – ein Beispiel von vielen, wie Die Linke den ländlichen Raum Schritt für Schritt verliert.​

Warum die AfD im ländlichen Raum stark ist

Die Ursachen sind komplex, aber ein Kern zieht sich durch: Menschen fühlen sich abgehängt, nicht gehört und in ihren Lebensrealitäten nicht ernst genommen.​

  • Zerfallende Infrastruktur: In Brandenburg fehlen für eine Verdopplung der ÖPNV-Fahrgastzahlen rund 140 Millionen Euro jährlich, der Bund fördert gar nicht mehr, das Land kann nur einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag aufbringen. Busflotten sind veraltet, Takte ausgedünnt, manche Regionen werden kaum noch angefahren. Wer kein Auto hat, ist praktisch von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen – besonders junge Menschen, Beschäftigte und Rentner*innen.​
  • Kollaps der Gesundheitsversorgung: In Sachsen fehlen über 370 Hausarztstellen, 30 Prozent der Hausärzt*innen sind über 60 Jahre alt, bis 2030 gehen etwa 35 Prozent der Hausärzt*innen und 25 Prozent der Fachärzt*innen in Rente. Die Folge sind lange Wege, überfüllte Notaufnahmen und der Kampf eine neue hausärztliche Versorgung zu finden, welche nicht über 30 km Entfernung liegt, etwa in der Region um Bernstadt auf dem Eigen (Kreis Görlitz) nach der Schließung der Hausarztpraxis in Schönau-Berzdorf. Dies ist nur ein Beispiel und wiederholt sich fest monatlich in verschiedenen Landkreisen, in allen Bundesländern.

Von einer verlässlichen Versorgung queerer Menschen auf dem Land kann kaum die Rede sein.​

  • Erosion der Daseinsvorsorge: Schulen, Kitas, Krankenhäuser, Kaufläden, Bäckereien, Dorfkneipen, Poststellen oder rollende Lebensmittelangebote verschwinden – und mit ihnen Orte, an denen Gemeinschaft und Austausch entstehen.​
  • Abwanderung junger Menschen: Seit 1991 sind etwa 727.000 Menschen zwischen 18 und 29 Jahren aus Ostdeutschland abgewandert. In vielen brandenburgischen Landkreisen machen junge Menschen nur noch 10 bis 14 Prozent der Bevölkerung aus, es fehlt an Fachkräften, Auszubildenden und Vereinsnachwuchs – ein sich selbst verstärkender Teufelskreis.​
  • Bildung in der Krise: Im ländlichen Raum werden Schulen zusammengelegt, Unterricht fällt wegen Lehrkräftemangel aus, Demokratiebildung bricht weg. Studien zeigen, dass etwa 10–12 Prozent der 18- bis 29-Jährigen den Begriff Holocaust oder Schoa noch nie gehört haben – eine Leerstelle, die Rechtsextreme mit Relativierungen und Verschwörungserzählungen füllen. Die AfD Brandenburg versucht mit ihrer Bildungsresolution unter dem Schlagwort „Neutralität“ Demokratiebildung, Antirassismus- und Vielfaltspädagogik als „Indoktrination“ zu diffamieren und schafft so ein Klima der Angst, in dem sich Schulen zurückziehen.​

Dazu kommt eine starke emotionale Dimension: Die AfD romantisiert „Heimat“ und „Tradition“ und grenzt sich zugleich gegen alles ab, was als fremd oder „von außen“ wahrgenommen wird. Negative Nachwende-Erfahrungen, der rapide Niedergang vertrauter Lebenswelten und das Gefühl, „dort zu leben, wo nichts mehr los ist“, treffen auf klamme Kommunalfinanzen und immer weitere Wege. Viele wehren sich gegen einen urban geprägten Lebensstil, den sie als ständige Veränderung erleben; der AfD-Slogan „Deutschland, aber normal!“ trifft auch bei jungen Menschen einen Nerv.​

Das Vertrauen in Politik ist stark beschädigt: 84 Prozent der Menschen in Ostdeutschland sind unzufrieden mit der Bundesregierung, bundesweit liegt die Zufriedenheit mit der Demokratie bei nur 42 Prozent, in Ostdeutschland sind 67 Prozent unzufrieden. Gleichzeitig zeigt sich: Je näher Politik am Alltag ist, desto größer das Vertrauen – Bürgermeister*innen genießen 64 Prozent Vertrauen, die Bundesregierung nur 39 Prozent.​

Was die Bundespartei leisten muss

Die Linke im Bund läuft Gefahr, einen blinden Fleck für den ländlichen Raum zu entwickeln. Die Konzentration auf urbane Zentren ist nachvollziehbar: Dort ist das Wähler*innenpotenzial größer, die Strukturen sind stabiler, Debatten werden bundesweit wahrgenommen, Haustürwahlkampf lässt sich effizienter organisieren. Aber es reicht nicht, nur dort präsent zu sein.​

Es geht nicht um „Stadt oder Land“, sondern darum, beides zusammenzudenken. Politische Konzepte, die in Großstädten funktionieren, müssen gezielt auf den ländlichen Raum übertragen und an seine Bedingungen angepasst werden. Haustürwahlkampf auf dem Dorf bedeutet lange Wege, wenig Infrastruktur und deutlich mehr Zeitaufwand, um eine ähnliche Anzahl von Menschen zu erreichen wie in einem Berliner 12-Geschosser – das kann zermürbend wirken und braucht andere Unterstützung durch die Bundespartei.​

Die zentrale Aufgabe der Bundespartei ist es daher weniger, ständig neue Aktionsformen zu erfinden, sondern die Basis im ländlichen Raum strategisch zu stärken. Das heißt: Ressourcen, Kampagnen, Materialien und Schulungen so zu planen, dass sie explizit in Dörfern, Kleinstädten und Landkreisen funktionieren – nicht als nachträgliche Ergänzung, sondern von Anfang an.​

Kampagnen neu denken: Wohnen und Lebensqualität

Die bundesweite Mietenkampagne der Linken wirkt im urbanen Raum – auf dem Land erreicht sie viele Menschen jedoch kaum. Dort geht es zwar auch um Mieten, vor allem aber um Fragen wie: Kann ich mir die Sanierung meiner Öl- oder Gasheizung leisten? Ist energetische Sanierung für mein Haus überhaupt finanzierbar? Können junge Familien noch Kredite für ein Eigenheim aufnehmen, wenn Grundstückspreise im Speckgürtel genauso explodieren wie die Mieten und das verdiente Geld gerade so zum Leben reicht?​

Es braucht entweder eine konsequent angepasste Mietenkampagne, die diese Fragen des ländlichen Wohnens mit in den Mittelpunkt stellt, oder eine eigenständige Wohnkampagne für den ländlichen Raum. Darüber hinaus braucht es eine breitere Kampagne zur Lebensqualität: Infrastruktur, Mobilität, Gesundheitsversorgung, Bildungsangebote, digitale Anbindung und kulturelle Räume müssen als zusammenhängende Daseinsvorsorge gedacht werden.​

Sichtbarkeit zwischen den Wahlen

Eine der größten Schwächen der Linken im ländlichen Raum ist die punktuelle Präsenz nur zu Wahlkämpfen – und selbst die ist oft begrenzt. Um dauerhaft Vertrauen aufzubauen, muss die Partei vor Ort sichtbar bleiben: mit parlamentarischer wie außerparlamentarischer Arbeit, regelmäßigen Angeboten, Bündnissen und konkreter Unterstützung. Dafür braucht es Rückenwind aus dem Karl-Liebknecht-Haus: Kampagnen müssen auf ihre Umsetzbarkeit im ländlichen Raum geprüft werden; wo nötig, braucht es „Landvarianten“ mit anderen Formaten, Materialien und Zeithorizonten.​

Die Mitarbeitenden im KLH und Teile des Parteivorstandes müssen stärker für ländliche Realitäten sensibilisiert werden. Die Basis vor Ort ist engagiert und trägt linke Politik in die Fläche, kann aber das Tempo und die Dichte urbaner Strukturen nicht einfach nachbilden – Prozesse dauern länger, Wege sind weiter, Alltagsorganisation ist komplexer.​

Gleichzeitig darf Die Linke nicht als Partei wahrgenommen werden, die sich vor allem in kulturellen Debatten verliert. Viele Menschen im ländlichen Raum empfinden Veränderungen als von urbanen Milieus „aufgezwungen“ – ohne ihre Sorgen abzuwerten, muss die Partei Wege finden, Grundwerte wie soziale Gerechtigkeit, Antirassismus und Vielfalt mit den konkreten Alltagssorgen vor Ort zu verbinden.​

Klassenpolitik aufs Land holen

Kern linker Politik bleibt Klassenpolitik: höhere Löhne, bessere Renten, bezahlbare Wohnungen und Häuser, starke öffentliche Dienste. Im ländlichen Raum bedeutet das, Arbeits- und Lebensbedingungen konkret zu adressieren – von Pendelstrecken über Pflegeversorgung bis hin zu Vereinsarbeit und Ehrenamt. Es geht darum, an der Seite der arbeitenden Menschen zu stehen, ohne sie zu belehren, und ihnen aufzuzeigen, dass soziale Sicherheit und demokratische Teilhabe zusammengehören.​

Der Kampf gegen Rechtsextremismus lässt sich nicht mit moralischen Appellen gewinnen, und eine Kopie der AfD wäre nicht nur politisch falsch, sondern auch strategisch kurzsichtig. Die Linke muss zeigen, dass sie die besseren Lösungen hat: soziale Antworten auf reale Ängste und Sorgen, konkrete Verbesserungen vor Ort, die das Leben messbar besser machen – gerade im ländlichen Raum.​

Kommunale Erfolge als Motor für den ländlichen Raum

Die gute Nachricht: Auf kommunaler Ebene funktioniert linke Politik – auch außerhalb der Großstädte. In Potsdam hat Die Linke einen Preisdeckel für Schulessen von 3,90 Euro durchgesetzt, das Schülerticket auf 15 Euro vergünstigt und ein kostenloses Frühstück an allen Grundschulen eingeführt. In Oberhavel kämpft die Linke dafür, dass das Schülerticket bezahlbar bleibt, auch wenn der Landkreis den Preis für das Deutschlandticket zum Schuljahr 2025/26 auf 18 Euro monatlich erhöht hat.

In Leipzig konnte eine Tariferhöhung im ÖPNV ausgesetzt werden, in Jena sorgt ein Vergabegesetz dafür, dass öffentliche Gelder nur noch nach sozialen und ökologischen Kriterien vergeben werden. In Berlin, Brandenburg und Thüringen hat Die Linke beitragsfreie Kita-Jahre durchgesetzt. Diese Beispiele zeigen: Linke Politik wirkt, wenn sie konkret ist und sich an den Alltag der Menschen anschließt.​

Die Bundespartei muss diese Erfolge systematisch auswerten und in die Fläche tragen: Was in Potsdam möglich ist, kann auch in einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Baden-Württemberg oder NRW funktionieren. Was in Leipzig gelingt, kann Vorbild für Orte wie Görlitz oder Schwarzenborn sein. Kommunalpolitische Leuchttürme sollten vernetzt, Erfahrungsaustausch organisiert und Schulungen angeboten werden – Kommunalpolitik ist das Herzstück linker Politik, gerade dort, wo die Partei am stärksten verankert ist.​

Ein Appell: Der ländliche Raum gehört ins Zentrum

Es geht nicht nur um Wahlergebnisse. Es geht um die Zukunft der Demokratie im ländlichen Raum und um die Frage, ob Menschen dort eine Perspektive sehen – oder ob sie weiter in die Arme der AfD und ihrer zerstörerischen Versprechen getrieben werden. Die Linke verfügt über Konzepte, kommunalpolitische Erfahrungen und engagierte Menschen vor Ort, doch es braucht den klaren strategischen Willen der Bundespartei, den ländlichen Raum auf der Prioritätenliste nach oben zu rücken.​

Der ländliche Raum ist kein Nebenschauplatz, sondern Lebensrealität von Millionen Menschen, die unter niedrigen Löhnen, bröckelnder Infrastruktur und dem Gefühl leiden, nicht gehört zu werden. Diese Menschen verdienen eine Partei, die an ihrer Seite steht. Diese Partei kann die Linke sein – wenn sie konsequent, dauerhaft und mit allen verfügbaren Ressourcen den Blick auch aufs Land richtet.​

Es ist höchste Zeit zu handeln. Nicht irgendwann. Jetzt.