Die 100 reichsten Deutschen - Teil 2

Das Supermarktimperium der Familie Albrecht. Zwei Brüder werden mit dem Verkauf von billigen Lebensmitteln reich. Zum Konzept gehören auch zweifelhafte Geschäftspraktiken.

Der zweite Milliardärs-Clan, den wir vorstellen, sind die Albrechts. Zusammengenommen dürften sie sogar noch reicher sein als Familie Reimann - doch da die ehemaligen Familienpatriarchen bereits in den 1960er Jahren getrennte Wege gingen, werden die Albrechts in den Statistiken über Deutschlands Superreiche in der Regel getrennt erfasst und müssen sich laut »Manager Magazin« mit den Plätzen 4 und 7 begnügen.

Anders als die Reimanns, deren Reichtum in einer fast 200-jährigen Ausbeuter-Geschichte angehäuft wurde und eng mit der NS-Zeit verknüpft ist, muss man bei den Albrechts nicht so weit in die deutsche Geschichte zurückreisen. Selfmade-Milliardäre sind die noch lebenden Mitglieder dennoch nicht – sie alle haben ihren Reichtum geerbt, und zwar in Form von zwei Weltkonzernen mit heute fast einer Viertelmillion Beschäftigten: Aldi Süd und Aldi Nord.

Die größte Discounterkette der Welt

Aldi gilt als die wohl größte kapitalistische Erfolgsgeschichte der deutschen Nachkriegszeit. Die Brüder Karl und Theo Albrecht machten aus dem Lebensmittelgeschäft ihrer Eltern im Essener Arbeiterviertel Schonnebeck die größte Discounterkette der Welt mit heute 11.235 Filialen in 20 Ländern.

Tatsächlich bewiesen die Brüder »Unternehmergeist«. Ihre Idee: Billiger sein als die Konkurrenz.So wenig innovativ, wie das klingen mag, ist es im Grunde auch. Auch andere Einzelhändler gingen diesen Weg, aber die Aldi-Brüder gingen ihn am konsequentesten.
Ihr Konzept nach dem Krieg auf eine Lebensmittelgrundversorgung mit einem minimalen Sortiment und niedrigen Preisen zu setzen, ging auf und sie expandierten rasant. 1955 hatte die damalige Albrecht KG bereits ein Filialnetz mit 100 Standorten, und die Brüder waren Vermögensmillionäre.

Anfang der 1960er Jahre geriet der Erfolg ins Stocken, denn die Konkurrenz war innovativer. War der Lebensmitteleinzelhandel bislang durch eine Vielzahl kleiner Läden bestimmt, die meinst inhabergeführt oder genossenschaftlich organisiert waren, begann nun der Aufstieg der Supermärkte mit Ketten wie Edeka und Rewe, in denen das volle Sortiment an Lebensmitteln angeboten wurde und sich die Kunden selbst bedienten. Auch die Brüder Albrecht folgten dem Trend und setzten auf den neuen Vertriebstyp Supermarkt - zunächst jedoch ohne Erfolg.

Billiger als die Konkurrenz

Die Wende kam abermals mit einer »neuen« Idee: Billiger sein als die Konkurrenz. Um das zu erreichen, ließen die Brüder Albrecht eine ganze Reihe der damals üblichen Dienstleistungen des Einzelhandels einfach weg: Keine breiten Sortimente, keine Frischwaren, keine Bedienung, kein Preisetikett auf jedem Artikel (die Kassiererinnen hatten die Preise auswendig zu lernen), kein Auspacken der Ware, keine Ladendekoration und Werbung.

Das knapp bemessene Personal wurde für alle anfallenden Arbeiten ausgebildet, so dass es bei hoher Arbeitsdichte ständig ausgelastet war. Der Lebensmittel-Discount war geboren. Und das Geschäft florierte: Die Umsatzleistung pro Mitarbeiter war fast zehnmal höher als in den alten Albrecht-Supermärkten.

Eine bis dahin ungekannte Expansion setze ein und aus den Millionärsbrüdern wurden Milliardäre. Bereits 1961 hatten sie Deutschland in Nord und Süd unter sich aufgeteilt. Nun teilten sie sich Europa und schließlich die ganze Welt. Der eine bekam Frankreich, Benelux, später Spanien, dann Polen, der andere Großbritannien, die USA, dann Australien und schließlich China.

Als 2014 mit Karl Albrecht auch der zweite Aldi-Bruder verstarb, machte er einen umgerechneten Vermögensgewinn von einer halben Million Euro pro Stunde. Das Vermögen beider Brüder wurde in Stiftungen geparkt, die bis heute im alleinigen Besitz der Albrecht-Familien sind.

Das perfekte kapitalistische Märchen? Wenn man so will, ja. Doch es sind und waren nie die Albrechts, die ihre Milliarden erwirtschafteten, sondern Millionen Beschäftigte weltweit, die für Aldi oder die unzähligen Zulieferer und Erzeuger von dessen Produkten arbeiten. Für sie bedeutet die Billigmentalität schon immer vor allem eines: verschärfte Ausbeutung. Denn der Geschäftserfolg gründet auf Preisdrückerei.

Reichtum dank Ausbeutung

So nutzt Aldi seine Marktmacht bei Verhandlungen mit Zulieferern, um ihnen rigide Abgabemengen und Niedrigpreise zu diktieren. Die Folge: Niedriglöhne, unwürdige Arbeitsbedingungen und systematische Verletzung sozialer Rechte sowie die Zerstörung ökologischer Ressourcen. So wurden in Studien wiederholt massive Arbeitsrechtsverletzungen etwa in chinesischen und indonesischen Zulieferbetrieben von Aldi nachgewiesen. Dazu zählen unter anderem monatelange Zurückhaltung von Löhnen, Kinderarbeit, 90-Stunden-Wochen, Geldstrafen bei Fehlern, kein Mutterschutz und ein Verbot gewerkschaftlicher Organisierung.

Die Folgen der Abwärtsspirale, die der Preiskampf der Discounter für Mensch und Umwelt bedeutet, zeigen sich auch in Europa, etwa in der Gemüseproduktion in Südspanien. In der Region Almeria schuften Schätzungen der Landarbeiter:innengewerkschaft SOC zufolge rund 100.000 ausländische Tagelöhner:innen zu Niedriglöhnen unter den Plastikfolien zigtausender Gewächshäuser, viele davon ohne Aufenthaltsstatus und somit vollkommen rechtlos.
Zur immensen Ausbeutung kommt das ökologische Zerstörungspotenzial dieser hyperintensiven landwirtschaftlichen Produktion mit ihrem hohen Ressourcenverbrauch, vor allem von Wasser.

Union-Busting beim Discounter

In Deutschland bekommen Kund:innen bei Aldi von all dem wenig mit. Hierzulande rühmt sich der Konzern, Löhne über dem Branchendurchschnitt zu zahlen. Doch gewerkschaftliche Organisierung wird auch in Deutschland weitgehend verhindert. So gibt es bis heute keinen Gesamtbetriebsrat bei Aldi. Ver.di berichtet seit langem von strategischen Bemühungen des Unternehmens, unabhängige Mitarbeitervertretungen zu verhindern und Gremien mit Vertretern der arbeitgebernahen Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) zu besetzen. 2008 kam heraus, dass Aldi Nord jährlich 120.000 Euro an die AUB zahlte. 2013 wurde bekannt, dass Aldi Süd offenbar Mitarbeiter:innen mit versteckten Kameras überwachen ließ.

Wenn Medien über solche Vorgänge bei Aldi berichten, bekommen auch sie die Macht des Konzerns zu spüren. Als etwa die „Süddeutsche Zeitung“ im Jahr 2004 in einem kleinen Artikel über »schikanöse Arbeitsbedingungen« und »massive Wahlbehinderungen« bei der versuchten Gründung der ersten Aldi-Betriebsräte in München berichtete, kündigte Aldi mit sofortiger Wirkung seine bisher wöchentlich erscheinende, ganzseitige Anzeige, wodurch der Zeitung Einnahmen im Gesamtwert von rund 1,5 Millionen Euro entgingen.
Generell gehört es zum Prinzip Aldi, negative Berichterstattung mit allen Mitteln zu bekämpfen. Wenn Journalist:innen zum Beispiel die Qualität von Aldi-Waren testen und das Ergebnis für das Unternehmen nicht erfreulich ausfällt, werden sie mit juristischen Schriftsätzen überzogen, bis sie die schlechte Bewertung aus dem Netz nehmen.

Die Albrechts können sich noch so anständig, bieder und bescheiden geben. Auch ihr bundesrepublikanisches Nachkriegsmärchen und ihr Milliardenvermögen beruhen auf der Arbeit anderer, auf Ausbeutung und der Zerstörung unserer Umwelt. Ein Märchen bleibt eben ein Märchen.