Rechtsstaat prüfen
Staatsschutz" soll als Thriller funktionieren, sagt Regisseur Faraz Shariat. Die Geschichte soll dafür nicht allzu offensichtlich und erwartbar sein. Polizei und Kriminalität sind schon mal reichlich vorhanden: Staatsanwältin Seyo Kim hat gerade ihre erste Stelle der Staatsanwaltschaft einer ostdeutschen Großstadt angetreten, da überlebt sie nur knapp einen rassistischen Brandanschlag.
Der Mordversuch wird ihr wichtigster Fall, geht es doch um ihre eigene Sicherheit. Bei ihren Ermittlungen, bei denen sie immer wieder die Grenzen der Legalität austestet, stößt sie auf unüberwindlich scheinende Hindernisse im Staatsapparat. Sei es, dass der Fall bagatellisiert wird, sei es, dass Polizisten ihr gegenüber rassistisch übergriffig werden.
Jung, Frau mit asiatischem Migrationshintergrund - da kann es bei einer Tour durchs Hinterland schwierig werden. Sie landet sogar selbst in einer Gefängniszelle. Kim sieht sich genötigt, die Hilfe der Anwältin Alexandra Tiedemann anzunehmen. Um nicht nur das Verbrechen aufzuklären, sondern auch, um in der eigenen Behörde aufzuräumen. Wenn es ihr legitim erscheint, überwindet sie rechtliche Grenzen, ermittelt auf eigene Faust und entwendet Akten, wenn es ihr opportun erscheint.
Shariat setzt in seinem Justizdrama ganz auf die Schauspielkunst seiner Hauptdarstellerin Chen Emilie Yan. Mal wütend, mal überlegen und wiederum verzweifelt bahnt sie sich den Weg als Berufseinsteigerin in einem rassistisch geprägten Umfeld. Das Herumfahren in einer besonders dicken Karre erinnert ein wenig ans Attribute-ankleben Marke "Tatort", um die Einzelkämpferin zu charakterisieren. "Staatsschutz" spielt dabei auf die Terrorserie des Nationalsozialistischen Untergrunds an und andere Verbrechen aus dem rechtsextremen Milieu an, die in staatliche Strukturen hineinwirken. Kims Vorgesetzte machen sich der Befangenheit ebenso schuldig wie unterlassener Ermittlungen und Beweismanipulation. In einem zentralen Prozess können manche Verwicklungen geklärt werden, zumal der vorsitzende Richter gegen als Zeugen aussagende Beamte ebenfalls Ermittlungen anstrengt.
Insbesondere die Rechtsanwältin Tiedemann tritt hier als allwissende Anklägerin auf. Inwieweit das der Realität entspricht und nicht dem Wunschdenken der Filmautor*innen, sei dahingestellt.
Der Grund ist: Regisseur Shariat will mit seinem Film die Rechtsstaatlichkeit auf den Prüfstand stellen: „Die Staatsanwaltschaft in Deutschland nennt sich selbst die objektivste Behörde der Welt“, sagt er. „Aber was heißt Objektivität in diesem Fall eigentlich? Oder führt Neutralität gegenüber Nazis nicht am Ende zur Parteinahme?“
Als Alternative gilt ihm das extralegale Handeln seiner Protagonistin, ohne das die Wahrheit nie ans Licht gekommen wäre, ganz nach dem Vorbild gängiger Rächerfilme. Es ist fraglich, ob das die beste Lösung ist.
„Staatsschutz“. Regie: Faraz Shariat. D 2026. Mit Chen Emilie Yan, Julia Jentsch. Kinostart: 27. August 2026