Selten gehörte Stimmen
Haval trainiert eine Einheit der kurdischen Frauenarmee YPJ. Als Jugendliche musste sie erleben, wie ihr Dorf vom sogenannten Islamischen Staat (IS) überfallen wurde; die Männer wurden erschossen, Frauen und Kinder, wenn nicht gleich getötet, entführt und allen Ernstes auf Sklavenmärkten im syrischen Raqqa oder im irakischen Mossul verscherbelt.
Damit ihr nicht das Gleiche passiert, ließ sie sich in die neu aufgestellte Frauenkampfgruppe rekrutieren. Bald sichert sie die autonome Region Royava in Syrien mit ihren Truppen ab, bekämpft den IS.
Was ansonsten mit ihr geschehen wäre, kann die junge Jesidin Sepan erzählen. Sie und ihre Angehörigen seien 2014 von den IS-Milizionären im nordirakischen Sindschar nach der Gefangennahme in Altersgruppen eingeteilt worden, sie sei in die Gruppe der 13- bis 25-jährigen Frauen gekommen. Diese wurden als Besitztümer behandelt, sexuell missbraucht, verprügelt und bestraft, wenn sie nicht spurten. „Ich war wie lebendig beerdigt“, berichtet sie.
Zakia aus Deutschland schlug einen anderen Weg in das Kriegsgebiet ein. Die ehemalige Medizintechnikstudentin lernte ihren späteren Ehemann aus Bosnien kennen, der sich später als Terrorist entpuppte. Als er in den Bürgerkrieg zog, entführte er sie und die Kinder nach Syrien. Seit 2017 befindet sie sich in nun einem Camp, das von kurdischen Kräften bewacht wird. Sie wolle nach Deutschland zurück, werde aber nicht aufgenommen. „Weil ich einen Fehler gemacht habe, sitze ich seit Jahren fest, werde von IS-Frauen gemobbt“, sagt sie.
Die drei Frauen sind die Protagonistinnen in Faek Falaks Dokumentation „To My Sisters“, mit der der Regisseur auf die Schicksale von Frauen im Krieg aufmerksam machen will. Auf unterschiedliche Weise sind ihre Lebenswege mit dem Krieg in Syrien und dem Irak verbunden. Sie berichten von schlimmsten Erlebnissen angesichts des Völkermords an der jesidischen Bevölkerung. Haval schätzt sich glücklich, dass sie über ihren Eintritt bei der YPJ die Möglichkeit hatte, aktiv in die Kämpfe einzugreifen statt ihr Opfer zu werden. Falaks Film enthält Bilder aus den Schützengräben und von Gefechten, in die die kurdischen Kräfte verwickelt werden.
Sepan berichtet am ausführlichsten, der Film widmet ihr ausreichend Zeit, die Massaker zu schildern, die sie erleben musste. Ein irrwitziger Zufall ermöglichte ihr dann die Flucht vor ihren Folterern. Weil sie wegen eines Vergehens in den Keller gesperrt wurde, war sie geschützt, als das Haus von der US-Armee schlichtweg wegbombardiert wurde. Es war einfach nichts mehr da, worin man sie hätte gefangen halten können.
„To My Sisters“ ist ein ungemein starker Film, der manchmal schwer auszuhalten und oft sehr traurig macht. Drohnenaufnahmen der weiten Wüstengebiete illustrieren die Interviews. Falak, selbst Kurde aus Syrien, will den Frauen im Krieg eine Stimme geben und durchaus auch einen positiven Akzent setzen. Es ist möglich, das Beispiel Havals zeigt es, dem Terror auch Einhalt zu gebieten.
„To My Sisters“. D 2026. Regie: Faek Falak. Kinostart: 23. Juli 2026