Europas Außenseiten

Eti ist eigentlich Wegwerfvieh: Nach dem Ausschlüpfen in einer Brutfarm irgendwo an der griechischen Küste ist sie eigentlich als Legehenne eingeplant, ist sie das einzige dunkle Küken in der Batterie. Und das wollen die Kunden nicht, weiß der Farmbesitzer in György Pálfis rabiaten Tier-Spielfilm „Lebensansichten eines Huhns“. Ergo: „Meine Frau wird eine leckere Suppe daraus kochen.“

Aber Eti kann abhauen. Die kleine Heldin kann eine Menge ab – und muss es auch. Aber egal, ob sie überfahren wird, gegrillt und angefressen: Sie erweist sich als Überlebenskünstlerin. Schnellstraßen, gefährliche Begegnungen mit Füchsen, extremer Hunger: Gefahren gibt es genug. Zudem: Etis Welt ist die Außengrenze der EU in Griechenland. Es dauert nicht lange, und sie wird in die politischen Verhältnisse verwickelt.

Als sie die Eier auf dem Markt als Kindersklavenmarkt bestaunt, kommt die Friedensdemo um die Ecke. „Amis raus“ fordern die Demonstranten – eine Forderung, der sich Eti umstandslos anschließen kann. Sie marschiert mit und entkommt so dem Hund, der es auf sie abgesehen hat.

Einige Abenteuer später soll sie doch im Kochtopf landen, sie hat sich auf das Gelände eines Restaurants verirrt und flüchtet durch das Wohnzimmer. Mit dem Nachwuchs schaut sie die Dino-Kindersendung, fragt sich, was mit den Vorfahren wohl passiert ist. Das Restaurant läuft schlecht, der Besitzer fährt nachts gegen viel Geld Flüchtlinge von der Küste ins Inland. Ausgerechnet Eti, selbst Geflüchtete, verstopft mit ihrem ersten Ei die Lüftung des LKWs und provoziert eine Katastrophe.

Im Leben kann jede Handlung tödlich sein, so viel gibt uns dieser Film mit, Tier und Mensch sind darin einig: Sie können gleichzeitig Täter und Opfer sein. Zwischen ironischer Betrachtung und brutalem Handlungsablauf changiert dieses ungewöhnlichen Projekts, das mit drastischen Mitteln die Gegenwart an Europas Außenseiten darstellt. Lebensansichten sind Todesansichten: dies dürfte einer der krassesten Filme dieses Jahres sein.

 

Kinotrailer "Lebensansichten eines Huhns" - Kinostart 6. August 2026
  • Neue Visionen Filmverleih

„Lebensansichten eines Huhns“. Regie: György Pálfi. D/GR/HUN 2025. Mit dem Huhn Eti, Yannis Kokiasmenos. Kinostart: 6. August 2026