Wie kommunizieren wir Klasse?
- AG Antirassistische Praxis
Im dritten Teil des Leitfadens zu Antirassismus geht es um strategische Kommunikation. Wir überlegen nicht nur, was wir sagen, sondern auch wie, wann und in welchem Zusammenhang.
In linken Zusammenhängen gibt es oft die Annahme, dass gute Argumente ausreichen. Dass Menschen ihre Meinung ändern, wenn wir ihnen nur die richtigen Fakten liefern und die Welt klar genug erklären. Doch so funktioniert Kommunikation in der Realität nicht. Menschen treffen ihre Entscheidungen nicht allein auf Basis von Informationen. Sie orientieren sich an Erfahrungen, Gefühlen, Vertrauen und ihrer alltäglichen Lebenssituation. Wenn wir einer Person ein Flugblatt in die Hand drücken, heißt das noch lange nicht, dass sie unsere Perspektive teilt. Ohne Bezug zu ihrem Alltag, ohne Vertrauen und ohne eine Sprache, die ihre Sorgen ernst nimmt, bleibt unsere Botschaft wirkungslos.
Strategische Kommunikation heißt deshalb: Wir überlegen nicht nur, was wir sagen, sondern auch wie, wann und in welchem Zusammenhang. Es geht darum, an die Lebensrealität der Menschen anzuknüpfen und verständlich zu machen, warum unsere Politik für sie relevant ist. Und: Kommunikation funktioniert nicht ohne Praxis. Was wir sagen, muss sich im Alltag bewähren. Nur wenn Menschen erleben, dass wir an ihrer Seite stehen und gemeinsam mit ihnen kämpfen, wird unsere Botschaft glaubwürdig.
Warum wir strategisch kommunizieren müssen
Erstens: Weil Politik immer auch über Gefühle läuft. Es reicht nicht, recht zu haben. Wir müssen Menschen auch erreichen, bewegen und für gemeinsames Handeln gewinnen. Zweitens: Weil unsere politischen Gegner das längst tun. Rechte Kräfte arbeiten gezielt mit Emotionen, einfachen Erzählungen und klaren Feindbildern. Sie setzen Themen, sprechen bestimmte Gruppen an und nutzen gezielt Begriffe und Bilder, die wirken. Wenn wir darauf keine Antwort haben, überlassen wir ihnen das Feld. Drittens: Weil wir gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen wollen. Das gelingt nicht, indem wir nur unsere Positionen formulieren. So erreichen wir vordergründig diejenigen, die ohnehin schon zustimmen. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir an bestehende Denkweisen anknüpfen, sie herausfordern und weiterentwickeln. Es geht also darum, Brücken zu bauen: von den Erfahrungen und dem Alltagsverstand der Menschen hin zu unseren politischen Perspektiven.
Erfahrungsbericht von Kodjo:
„Eine Frau öffnete mir die Tür und sagte sofort: Migrantinnen müssen abgeschoben werden – sind zu viele. Ich musste erst einmal schlucken, aber habe sie dann gefragt, wo sie arbeitet. Sie war Pflegerin und meinte dann, dass in etwa 70 Prozent ihrer direkten Kolleginnen Migrantinnen seien. Sie mochte sie alle gerne. Wir redeten dann über den Pflegenotstand, Kürzungen und Erfahrungen der Krankenhausbewegung. Am Ende gab sie mir eine Wahlzusage.“
Alltagsverstand ernst nehmen – und weiterentwickeln
Menschen haben immer bereits Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert. Dieser Alltagsverstand ist jedoch oft widersprüchlich: Er enthält sowohl solidarische als auch ausgrenzende Elemente. Unsere Aufgabe ist es nicht, diesen Alltagsverstand von außen zu belehren, sondern an ihn anzuknüpfen und ihn weiterzuentwickeln. Aus ersten, oft widersprüchlichen Erfahrungen kann so ein klareres Verständnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen entstehen.
Erfahrungsbericht von Vân:
„Ich habe in der Schulung gelernt, am Anfang immer die Zauberfrage zu stellen: Was würdest du machen, wenn du die Dinge verändern könntest? Die meisten Antworten, die ich bekam, waren fast schon sozialistisch. Frieden, Essen für alle, weniger Ungerechtigkeit, mehr soziale Sicherheit.“
Wie kommunizieren wir Klasse? - von Alina Lyapina
"In der Klassenfrage gibt es gerade nichts schönzureden: Die Partei der Arbeiter und Arbeiterinnen ist heute ohne Zweifel die Alternative für Deutschland. Diese Partei schneidet bei Menschen mit geringem Einkommen, niedriger Bildung und Abstiegsängsten am besten ab, nicht zuletzt, weil sie diese Menschen mit einer auf sie zugeschnittenen Kommunikation erreicht. Die AfD hat als erste Partei die tief sitzende und grundsätzliche Unzufriedenheit mit dem repräsentativen System und den abgehobenen politischen Eliten in Deutschland erkannt und in eine emotionalisierende Ansprache kanalisiert. Sie bringt die zentralen Trigger-Gefühle der überzeugbaren Zielgruppe wie Ohnmacht, Verbitterung und Wut zum Ausdruck und formuliert den nationalen Konflikt als eine einfache und verständliche Lösung für die real existierende Ungerechtigkeit. Die Ausländer greifen die normalen Deutschen an und nehmen ihnen alles weg – und die Establishment-Parteien machen mit, statt sich um das Volk zu kümmern.
Im Bundestagswahlkampf und mit dem Launch der Mietenkampagne haben wir die ersten Schritte gemacht, um der AfD den Status der Arbeiterpartei streitig zu machen. In einer sehr kurzen Wahlkampfphase hat Die Linke gezeigt, wie sie als organisierende Klassenpartei das Vertrauen der enttäuschten arbeitenden Menschen gewinnen möchte: mit einem klaren Commitment zu den Alltagsproblemen und den Hauptforderungen gegen zu hohe Mieten und Preise. Mit einer beispiellosen bundesweiten Basisaktivität an den Haustüren, den auf die Zielgruppe gemünzten Kampagnenmaßnahmen mit praktischer Unterstützung wie Heizkostencheck sowie der Gehaltsdeckelung ihrer sympathischen und ehrlichen Parteiführung konnte Die Linke überzeugen, dass sie es ernst meint.
In den Gesprächen mit Zohran Mamdanis Team vor Ort und bei seinen Kampagnenevents Ende Oktober 2025 wurden die Parallelen besonders sichtbar. Auch in der Hochburg von US-Demokraten sind viele arbeitende Menschen und insbesondere Nicht-Wähler in der Abwesenheit von linken populistischen Alternativen für die von rechts anfällig geworden. Doch es gibt einen Weg, sie zumindest in Teilen (zurück) zu gewinnen. Die Reise nach New York hat für mich bestätigt: Das Hauptziel unserer Kommunikation als Partei sollte sein, eine neue Klassenidentität zu prägen. Denn aus Kommunikationssicht ist Klasse im Grunde eine Gruppenidentität – wie Deutsch sein oder FC St. Pauli-Fan. Eine diverse Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Werten, Interessen und Träumen, die in organisierenden Kämpfen und durch emotionale Erfahrungen von Macht und Erfolg zusammengeschweißt wird. Ein großes Wir. Dabei ist es uns allen vollkommen klar, dass das Bewusstsein, Teil der arbeitenden Klasse zu sein, nicht einfach so von Geburt an vorhanden ist. Umso wichtiger ist es, historisch gesehen, mit geballter Kraft langfristig daran zu arbeiten, eine solche Gruppenzugehörigkeit neu zu formen. Nur die Klassenidentität kann der nationalen Identität Konkurrenz machen und die Menschen ermächtigen, für grundlegende Veränderungen gemeinsam als Mehrheit zu kämpfen. Und der jüngste Sieg von Mamdani beweist: Linke Klassenkommunikation wirkt. Aber nur wenn man das richtig macht.
Klasse kommunizieren: Darauf kommt es an.
Die Sache ist im Prinzip einfach. Damit Menschen sich verbunden fühlen, muss klar werden, welche Probleme und Gegner sie gemeinsam haben, wie sie in ihrem Alltag oft das gleiche Unrecht erfahren und wie ihr Leben besser werden könnte.
1. Fokus auf grundlegende Bedürfnisse
Damit das große „Wir“ überhaupt entstehen kann, müssen wir unsere Kommunikationsstrategie im ersten Schritt an grundlegenden Bedürfnissen ausrichten. Das sind sowohl bezahlbare Mieten und Preise als auch das Need, von der Politik gehört zu werden. Der Grund, warum viele Menschen mit progressiven Ansichten in den Fragen Klima, Frauenrechte und Abtreibung bei den Wahlen gerade mehr und mehr nach rechts abdriften, ist, dass sie sich ihr Leben, wie noch vor ein paar Jahren, zunehmend nicht mehr leisten können. Darauf stützen sie ihren moralisch-materiellen Anspruch, von der Regierung mit ihren alltäglichen Anliegen ernst genommen zu werden. Durch diese konkreten materiellen Sorgen und damit verbundene Abstiegsängste lässt sich die Klassenidentität nicht mit universellen Appellen zu einer abstrakten Solidarität stärken. Wenn sich die Politik nicht um die Leute schert, wieso sollten sie sich um ihre migrantischen Nachbarn oder Arbeitslose kümmern? Konkrete politische Handlungsoptionen, die die Ohnmacht kontern, das Leben von jedem Einzelnen besser machen und den arbeitenden Menschen ihre Würde zurückgeben, sind die Voraussetzung für die Klassenkommunikation. Mit anderen Worten: Diese Menschen würden uns nur dann als ernsthafte politische Option wahrnehmen, wenn wir ihnen aus der Seele sprechen. „Bezahlbares Leben in Würde für alle“ sollte daher unser zentraler Kommunikationsrahmen werden.
2. Policies und der Weg der Veränderung
Dieser Kommunikationsrahmen muss in unserer Öffentlichkeitsarbeit mit ambitionierten Policies unterlegt werden, die den Menschen im Alltag eine echte und sichere Perspektive bieten. Dafür müssen sie mehr als nur ein Blatt Papier sein. Es kommt darauf an, diese Forderungen a) als Kern linker Politik einfach, verständlich und anschlussfähig zu vermitteln und b) für sie authentisch zu streiten. Mamdanis Wahlplattform unter dem Motto „fight for working people with no apology“ tut genau das: Mietenstopp, kostenlose, schnelle Busse und Kinderbetreuung für alle erscheinen nicht als eine sozialistische Utopie, sondern als Common-Sense-Dinge, die jeder Mensch benötigt und haben könnte.
Weg der Durchsetzung: Aktivierung
Eine populäre Policy-Plattform geht mit einer klaren Durchsetzungsperspektive einher. Als Linke sollten wir immer klar kommunizieren: Der Weg zur Durchsetzung unserer Kernforderungen ist, dass wir alle gemeinsam aktiv werden. Niemand kommt und serviert uns den bundesweiten Mietendeckel auf dem Silbertablett – das müssen wir organisiert durchdrücken. Mamdanis Team hat dafür eine beispiellose digitale Kampagnenmaschine angeschmissen, um möglichst viele Menschen mithilfe von Tools wie Manychat etc. in den Social-Media-Kommentaren und DMs für den Haustürwahlkampf zu mobilisieren. Zugleich wurde die Klassenidentität während der gesamten Kampagne u. a. bei den Haustüreinsätzen geprägt. So lag der Fokus bei den Gesprächen auch auf persönlichen Gründen, warum man an den Türen für Mamdani wirbt.
3. Konflikterzählung & Race-Class-Narrative
Eine Policy-Plattform allein reicht nicht. Wir müssen darüber hinaus eine Geschichte über unsere Klasse erzählen, die in eine größere Erzählung eingebettet ist, damit wir am Ende ein rundes, stimmiges Weltbild vermitteln können.
Wir gegen die anderen
Wer ist schuld daran, dass immer weniger arbeitende Menschen sich ein Zuhause leisten können? Warum kann das politische Establishment die Wohnpolitik nicht im Interesse der arbeitenden Menschen ausrichten und wer kann das? Mit anderen Worten: Klasse – wie jede Identität – braucht immer einen Konflikt, der sich nur gemeinsam gewinnen lässt. Nichts vereint so gut wie ein gemeinsamer Gegner. Die Rechten haben diesen Ansatz perfektioniert. Aber auch Mamdanis Erfolg bestand darin, den Konflikt um Sicherheit und Migration durch den ökonomischen und politischen Konflikt gegen die abgehobenen Eliten & Milliardärsklasse in New York zu ersetzen. Auch für Die Linke führt daran kein Weg vorbei. Über die nächsten Jahre müssen wir den „Oben-Unten“-Konflikt jeden Tag in den Vordergrund stellen und sichtbar machen. Es ist unsere Klasse gegen ihre Klasse: Nicht: Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer.
Sondern: Die Reichen nehmen uns die Wohnungen weg und machen uns arm.
Race-Class-Narrative
Den Rechten kommt diese Konfliktdefinition ziemlich in die Quere, deswegen sagen sie ihren rassistischen und ausgrenzenden Bullshit nicht nur aus Überzeugung, sondern mit Absicht. Das ist Rage-Baiting: Genauso wie „Flood the zone“ ist das ihre Lieblingstaktik, weil viele von uns drauf hereinfallen. Rage-Baiting dient jedoch zur Ablenkung vom Klassenkonflikt. Viele von uns lassen sich in Empörungszyklen auf Social Media hineinziehen, ohne zu merken, dass wir den Rechten auf ihrem Kommunikationsfeld in die Karten spielen. Aber es gibt einen anderen Umgang damit: das Race-Class-Narrative (RCN). Das ist ein Kommunikationsansatz aus den USA, den Bernie Sanders, Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) und zuletzt Mamdani erfolgreich verwenden. Im Wahlkampf wurde Mamdani als Muslim und Migrant mehrfach rassistisch angegriffen. In seiner Reaktion hat er aber diese Angriffe nicht nur als Rassismus, sondern hauptsächlich als Spaltungsversuch entlarvt, um die New Yorker auseinanderzutreiben und damit von dem wahren Konflikt um bezahlbares Leben in der Stadt abzulenken. Statt sich darüber zu empören, was die Gegner sagen, hat sich Mamdanis Kampagne darauf konzentriert, warum sie das sagen, nämlich um die Leute zu verarschen. Und niemand mag es, verarscht zu werden. Damit hat er es geschafft, auch für Die Linke ist es essenziell, nach dem Bundestagswahlkampf das RCN weiter zu nutzen, um als zusammenführende Kraft aufzutreten.
4. “Story of Us" und emotionalisierende Kommunikation
Mamdanis Kampagne hat den Konflikt um die materiellen Kämpfe aufgegriffen, um die großen ideologischen Zukunftsfragen aufzuwerfen. Wem gehört New York und wie wollen wir hier leben? Als eine selbstbestimmte und demokratische Community, in der alle ein würdevolles Leben haben können und die ihre Nachbar*innen nicht alleinlässt? Oder prekär, einsam und schutzlos den CEOs und Trumps Milliardärsfreunden ausgeliefert, die über unser Leben das Sagen haben, uns ausnutzen und aus der Stadt verdrängen? Mamdanis Antwort ist kompromisslos: New York gehört den Menschen, die diese Stadt aufgebaut haben und am Laufen halten. Gleichzeitig hat er damit die Notwendigkeit radikal anderer Politik klargemacht, um diese Macht in der Stadt zurückzuerlangen. Sowohl bei der großen Wahlkampfrally als auch bei der Abschlussparty hat man das deutlich gespürt: Durch Mamdanis Kampf und Sieg hatten viele enttäuschte Menschen aus der arbeitenden Klasse zum ersten Mal seit langer Zeit wieder das Gefühl, die Kontrolle über ihr eigenes Leben ein Stückchen zurückzugewinnen. Wir als Linkspartei müssen uns oft selbst überwinden, um konkrete Probleme in die großen Fragen einzuordnen. Doch die Menschen, die wir erreichen wollen, sehnen sich danach, Teil eines größeren Kampfs zu sein – als eine starke Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten, die füreinander einsteht. Deshalb ist es so wichtig, mehr Storytelling zu wagen.
Wirksames Storytelling braucht Emotionen
Die "Story of Us” von Mamdani hat viele abgezockte und verzweifelte New Yorker inspiriert, bewegt und aktiviert, weil sie ihre Wut aufgegriffen und gleichzeitig ihnen die Sichtbarkeit, Hoffnung und ihre Würde zurückgegeben hat. Doch Klassenkommunikation benötigt eine andere wichtige Emotion: Stolz. Stolz fördert nicht nur Hoffnung, sondern auch das Klassenbewusstsein. Etwa der Stolz, „einen von uns“ zum Bürgermeister der reichsten Stadt der Welt zu machen.
Auch für unsere Partei gilt: Klasse zu werden bedeutet, den arbeitenden Menschen etwas anderes als Deutschsein anzubieten, worauf sie stolz sein können. Die Linke hat im Bundestagswahlkampf damit erste positive Erfahrungen gesammelt. Auf den Straßen Neuköllns haben viele Menschen im Februar das Bundestagsmandat von Ferat Koçak wie einen eigenen Sieg gefeiert. Aber diese Gefühle können wir in der Gesellschaft nur dann verankern, wenn wir in den nächsten Jahren den kommunikativen Fokus auf die Geschichten der gemeinsamen Kämpfe lenken, die mit Bedeutung erfüllt sind und einen echten Unterschied machen können.
5. Kommunikationsdisziplin
Dass über 50 Prozent der Bevölkerung in New York sich am Wahltag von Mamdani als „working class“ angesprochen fühlen, ist keine lokale Besonderheit, sondern das Ergebnis einer starken Kommunikationsdisziplin. Eine Geschichte kann nur dann überzeugen, wenn wir sie über einen langen Zeitraum und über die richtigen Kanäle wirken lassen. Darauf setzt auch die AfD. Egal, wer spricht – ob Weidel oder ein AfD-naher YouTuber –, erkennt man sehr schnell den roten Faden. Gleicher Gegner, gleiches Problemframing, gleiche Antworten auf brennende Fragen, sei es beim Thema Migration, Wohnen oder Sicherheit.
Die Kommunikationsdisziplin bedeutet in der praktischen Anwendung, immer im gleichen Kommunikationsrahmen zu bleiben. Denn mit unterschiedlichen oder sogar widersprüchlichen Narrativen über den Weg der Veränderung und politische Lösungen können wir am Ende nur wenige überzeugen. Der einzige Weg, die Klassenidentifikation in der heutigen schnelllebigen medialen Landschaft zu stärken, ist Hauptbotschaften zu formulieren und sie zu jedem neuen politischen Anlass anzuwenden. So erreichen wir auch besser die abgehängten Zielgruppen, die im Alltag wenig mitbekommen. Das ist der Grund, warum Mamdani kein einziges Mal von seinen Kernbotschaften abgewichen ist, obwohl im gesamten Wahlkampfjahr so viel passiert ist. Das zeigt auch: Kommunikationsdisziplin beginnt mit Selbstdisziplin.
6. Persönliche Kommunikation
Die Mehrheit in New York hat am Ende einen Bürgermeister gewählt, der seiner Klasse dienen möchte. Sie haben Mamdani geglaubt, weil sie ihn als charismatische, beharrliche und loyale Person kennengelernt haben. Er ist eine Foodie-Maus, ein schlechter Rapper mit viel Wissen über NYC-Rap, und er ist verknallt in seine Frau. Er ist zusammen mit Taxifahrer*innen schon mal in Hungerstreik getreten, weil er das mit Arbeitskampf ernst meint. Es kostet immer eine gewisse Überwindung, mehr Persönlichkeit zu zeigen, aber das sorgt auch für Verbindung. Dieses Ziel hat allerdings Auswirkungen auf linke Visualität & Inhalte: Mamdanis Videocontent war mit Realness und Liebe für die Stadt und ihre Menschen erfüllt. Gleichzeitig hat er bewiesen, dass er zum großen Wir gehört: Wenn du einer von ihnen bist, musst du an den Orten abhängen, wo deine Klasse das tut. Das würde vermutlich dem Image unserer Politiker*innen auch guttun: weniger Produktion im Studio, mehr Content aus dem Wahlkreis und dem Späti vor Ort.
Der klassenorientierte Content sollte nicht immer explizit politisch, sondern auch kulturell sein. Zusätzlich zur Zetro-Card, „Mamdaddy” und den Lifestyle-Trends der Gen-Z-Progressiven hat die Kampagne in NYC erfolgreich auf den kulturellen Codes der unteren Arbeiterschicht aufgebaut – über Mamdanis Mehrsprachigkeit, gemeinsames Essen, Religion und Memes für Whatsapp. Seine Klassenkommunikation war im klassischen Sinne des Wortes Popkultur. Auch Die Linke könnte ihre Verbindung zu der Zielgruppe ausbauen, wenn sie bei der Meinungsbildung auf Social Media mehr auf Unterhaltung und Community-Building setzen würde.