Das war die Marxist Summer School 2026
Hoch die internationale Gedankenwerkstatt! Vom 10. Bis zum 12. Juli versammelten sich rund 500 Genoss:innen aus aller Welt zur zweiten Ausgabe der Marxist Summer School. Das noch junge Format wird vom Belgischen Institute for Marxist Studies (IMAST) ausgerichtet, in enger Zusammenarbeit mit der belgischen Arbeiterpartei (PTB), deren Mitglieder die Veranstaltung möglich machen. Auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist mit im Boot und förderte die Entsendung einer Delegation der Partei Die Linke.
Nur eine Stunde entfernt von der Hektik Brüssels liegt die Stadt Charleroi. Die einstige Industriemetropole ist zum Symbol für den Niedergang der belgischen Schwerindustrie geworden und wird beherrscht von Erwerbslosigkeit und Armut. Hier fand die 2. Ausgabe der Marxist Summer School statt. Ziel des Treffens: Gemeinsam lernen und reflektieren. Die Primärquellen des Marxismus wieder hervorholen, deren Theorien verständlich machen und in der Gegenwart zur Anwendung bringen. Das Programm ist mehrsprachig und thematisch gestreut und besinnt sich von Beginn an darauf, Fragen zu stellen, und greift zentrale linke Themen auf: Was ist Imperialismus? Wie das Kommunistische Manifest, Lenin und Luxemburg lesen? Was ist der Globale Süden? Wie KI vergesellschaften? Was hat es mit Chinas ökologischer Transformation auf sich? Was kann vom britischen Gesundheitswesen gelernt werden? Wie den gegenwärtig erstarkenden Militarismus einordnen?
Die Summer School ist keine rein akademische Veranstaltung
Doch es handelt sich bei der Summer School um keine rein akademische Veranstaltung. Wo bei anderen Treffen der Diskurs von Expert:innen eine breitere Teilhabe oft unmöglich (und häufig auch unerwünscht) macht, gibt es hier Kurse, die als Einführungen deklariert sind und ohne Vorwissen ein Thema erarbeiten. Es gibt zudem eine Kinderbetreuung und insgesamt viel Zeit und Pausen zum Nachdenken und Reflektieren. Es ist diese tolle Mischung aus individuellen Erfahrungen der Teilnehmenden sowie deren verschiedenen internationalen Hintergründen, die spannende und tiefe Diskussionen ermöglicht.
Beispielsweise entwickelt sich in einem Kurs aus der definitorischen Auseinandersetzung mit Dialektik und der abstrakten Einsicht, dass sich gesellschaftliche Veränderung aus den systemimmanenten Widersprüchen heraus entwickelt, die ehrliche Neugierde: Was sind denn eigentlich die gegenwärtigen materiellen Widersprüche in Deinem Land? Die Suche nach einer Antwort verlangt die Spekulation über das Wesentliche. Treffen in Deutschland gerade in einer besonderen Verquickung die Überproduktion der Autoindustrie auf die Unterproduktion von Öl und erschüttern einen Großteil der fossilen Industrie? Die staatliche Antwort auf diese Rezession lautet derzeit Militarisierung. Im Panel „Europe Heading Towards War?” zeigt Katerina Anastasiou daher, wie der „ReArm Europe Plan“ der EU Trump und dem US-Imperialismus in die Hände spielt. Wenn im geopolitischen Theater die EU Russland in Schach halte und Israel den Nahen Osten, dann hätten die USA endlich freie Kapazitäten, um China militärisch anzugehen.
Die strategischen Hintergründe der Aufrüstung beleuchten
Für die Rüstungsinvestitionen würden Programme, die Dialog und Bildung betreiben, die Gelder gestrichen. Mit dem Resultat, dass sich niemand mehr sicher fühlen würde in lokaler und nationaler Nachbarschaft, was wiederum die Rüstungsinvestitionen legitimiere und anfeuere. Am Ende steht bei dieser Diskussion die Erinnerung, dass das EU-Parlament im November über den Finanzrahmen der nächsten 7 Jahre abstimmt. Hierfür sollten sich alle den aktuellen Protesten anschließen, die bereits seit Juni in Brüssel unter dem Slogan „Welfare not Warfare“ stattfinden.
Zuletzt noch ein Blick auf China: Wie soll sich eine Europäische Linke zu China verhalten? Bemerkenswert ist, dass die Summer School hierzu gleich drei Veranstaltungen anbietet, in denen die Entwicklung Chinas aus chinesischer Perspektive vorgestellt wird. Das Interesse für das erfolgreichste und mächtigste Land, das sich explizit den Kommunismus auf die Flagge schreibt, ist groß – genauso wie der Drang nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Anspruch und Vorgehen. Die Referentin Tings Chak erklärt, China benutze Märkte für die sozialistische Entwicklung seiner Produktivkräfte; der Markt (inklusive der Milliardäre, die er hervorbringt) sei ein Werkzeug der politischen Führung – nicht das gesellschaftliche Organisationsprinzip. Wie dann sicherstellen, dass man in diesem Klassenkompromiss nicht um den Finger gewickelt wird?
Chinas Entwicklung im Fokus
Das Wertefundament Chinas bleibt seltsam opak. Es scheint eine Spannung zwischen der maoistischen Tradition, die sich auf die Bearbeitung der konkreten Widersprüche fokussiert, und einem europäischen Marxismus zu geben, der immer ein fernes, abstraktes Ideal humanistischer Couleur in den Blick nimmt. Gleichzeitig sind Chinas Erfolge unbestreitbar: Durch die industrielle Entwicklung wurden innerhalb von 70 Jahren eine gigantische Menge an Menschen von der Not des Hungers befreit und zugleich(!) werden schon heute gut 50 Prozent des Stromverbrauchs Chinas durch nicht-fossile Quellen gedeckt. „Ecological Modernisation“ nennt China das – ein seltsamer Begriff, da im Ökomarxismus damit ein Deckmantel für grünen Kapitalismus betitelt wird. Aber Chinas Modernisierung soll gerade keine auf Raub und Unterjochung basierende Modernisierung im europäischen Sinne sein. Es zeigt sich hier die Notwendigkeit, die begriffliche Basis zu reflektieren.
Am Ende fasst David Pestieau, politischer Direktor der PTB, die Summer School treffend zusammen: "Wenn Fragen geklärt wurden – gut, wenn neue Fragen sich eingestellt haben – umso besser." Darin klingt auch die Einsicht an, dass die spezifischen Kämpfe und Errungenschaften aus anderen Ländern nicht immer leicht zu verstehen sind und dass zugleich die marxistische Theorie helfen kann, Brücken der Verständigung zu bauen.