Mehr als ein Parteibüro – warum wir weiterdenken sollten
Unsere Gastautor*innen meinen: Parteibüros müssen noch stärker zu sozialen Orten werden. Hier können Menschen einander kennenlernen, ihre Fähigkeiten sichtbar machen und gemeinsam Neues entwickeln.
Stell dir vor, du betrittst eine Geschäftsstelle der Linken. Vor der Tür befindet sich eine Fahrradstation mit Luftpumpe und Werkzeug. Wer einen platten Reifen hat, kann sich schnell selbst helfen, und einmal im Monat organisiert eine technisch versierte Genossin oder ein Genosse einen offenen Reparaturnachmittag. Im Eingangsbereich hängt ein großes Schwarzes Brett mit der Überschrift „Solidaritätsbörse“. Dort finden sich nicht nur Einladungen zur nächsten Mitgliederversammlung oder Hinweise auf Demonstrationen, sondern auch ganz praktische Angebote: Ein Mitglied ist Elektriker*in und hilft bei kleinen Reparaturen, ein anderes bietet Gitarrenunterricht an, eine Yogalehrer*in lädt einmal im Monat zu einem kostenlosen Kurs ein, jemand unterstützt bei Steuererklärungen und ein anderer sucht Hilfe beim Aufbau eines Kleiderschranks.
Daneben steht eine Werkzeugbibliothek, aus der sich Akkuschrauber, Bohrmaschine, Leiter oder Küchenmaschine gegen ein kleines Pfand ausleihen lassen. Im Veranstaltungsraum trifft sich regelmäßig das Repair-Café, während nebenan Musikunterricht stattfindet. Für das Wochenende ist neben einem Kampagnenworkshop eine Kleidertauschbörse geplant, und in der kommenden Woche bietet ein Mitglied einen Workshop zum kritischen Umgang mit Künstlicher Intelligenz an. Klingt ungewöhnlich? Vielleicht. Ganz neu ist die Idee jedoch nicht.
Bewährte Ansätze neu denken
In manchen Geschäftsstellen gibt es solche Ansätze schon seit Jahren. Doch unsere Partei ist gewachsen und entwickelt sich organisatorisch weiter. Deshalb möchten wir bewährte Ideen erneut aufgreifen, bündeln und zur Diskussion stellen. Das Entscheidende ist: Alles, was dafür notwendig wäre, ist bereits vorhanden – Menschen mit ihren Erfahrungen, ihrem Wissen, ihren Fähigkeiten und ihrer Bereitschaft, sich gegenseitig zu unterstützen. Vielleicht müssen wir diesen Schatz in unserer Mitgliedschaft nur wieder anders betrachten: Geschäftsstellen als solidarische Orte und Parteimitglieder als politische Subjekte.
Mit „Die Linke hilft“ hat unsere Partei in den vergangenen Jahren einen wichtigen Weg eingeschlagen. Geschäftsstellen und Abgeordnetenbüros wurden vielerorts zu Orten, an denen Menschen Beratung und Unterstützung im Alltag erhalten. Das war und ist ein wichtiger Schritt.
Auch der Parteitag hat mit dem Gehaltsdeckel für Abgeordnete und der Wiederbelebung der Idee sozialer Unterstützungsfonds einen wichtigen Impuls gesetzt. Solche Mittel könnten künftig konkret in Geschäftsstellen eingesetzt werden – nicht nur zur Beratung, sondern auch für ihre Weiterentwicklung zu solidarischen Orten – Linken Zentren.
Eine zentrale Idee von „Die Linke hilft“ war immer, dass Beratung nicht nur Unterstützung leisten, sondern Menschen organisieren und stärken soll. Schon vor Jahren wurde unter dem Stichwort „Linke Hilfe“ diskutiert, Betroffene stärker als Expert*innen einzubeziehen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre gemachten Erfahrungen einzubringen und selbst aktiv zu werden. Diesen Gedanken möchten wir weiterdenken – und zwar für alle Mitglieder unserer Partei.
Solidarität als tägliche Praxis
Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen den Eindruck haben, mit ihren Problemen allein gelassen zu werden, können wir zeigen, dass linke Politik Verbindungen schafft: zwischen parlamentarischer Arbeit, Beratung, politischen Kampagnen und dem Alltag vor Ort. Solidarität wird dadurch unmittelbar erfahrbar. Geschäftsstellen gewinnen einen konkreten Mehrwert für ihre Nachbarschaft und stärken das lokale Zusammengehörigkeitsgefühl. Orte gelebter Solidarität können so zum Ausgangspunkt einer linken Politik werden, die das Leben wieder bezahlbar und kollektiver macht.
Wir glauben, dass in diesem Gedanken noch viel Potenzial steckt. Hilfe bleibt wichtig, doch Solidarität geht einen Schritt weiter. Sie bedeutet, dass Menschen ihre Fähigkeiten füreinander einsetzen, Verantwortung übernehmen und erleben, dass sie selbst etwas beitragen können – und auf dieser Grundlage gemeinsam Politik machen.
Wer sind unsere Mitglieder eigentlich?
Damit verbinden wir auch eine grundsätzliche Frage linker Organisationsentwicklung. Wenn Parteien über ihre Mitglieder sprechen, geschieht das häufig aus der Perspektive der Organisation: Wer übernimmt den Infostand? Wer plakatiert? Wer kandidiert für ein Amt? Wer fährt zum Parteitag oder engagiert sich im Kreisvorstand? All das ist unverzichtbar und bildet das Rückgrat einer lebendigen Partei. Dennoch lohnt sich vielleicht eine vorgelagerte Frage: Wer sind unsere Mitglieder eigentlich? Nicht als Funktionsträgerinnen und Funktionsträger, sondern als Menschen.
In jeder Geschäftsstelle treffen Menschen mit ganz unterschiedlichen Berufen, Lebensgeschichten und Erfahrungen aufeinander: Handwerker*innen, Erzieher*innen, Krankenpfleger*innen, Musiker*innen, Softwareentwickler*innen, Rentner*innen, Jurist*innen, Gärtner*innen, Studierende oder Ingenieur*innen. Sie spiegeln die Vielfalt unserer Gesellschaft wider und haben unter Umständen Rassismus, Sexismus oder andere Formen von Diskriminierung erlebt.
Sie alle bringen ihre Erfahrungen, ihr linkes Bewusstsein, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten mit – weit über die klassische Parteiarbeit hinaus. Sie verfügen über handwerkliches Können, berufliche Erfahrung, kulturelle Kompetenzen, Kreativität und Lebenserfahrung. Vor allem aber bringen viele die Bereitschaft mit, dieses Wissen mit anderen zu teilen.
Genau dieser Reichtum bleibt in unserer Parteiarbeit häufig unsichtbar. Wir wissen, wer Schatzmeister*in ist, wer im Vorstand arbeitet oder wer den Wahlkampf organisiert. Vielleicht wissen wir auch, wer sich in anderen Vereinen oder Gewerkschaften engagiert. Aber wissen wir ebenso, wer Fahrräder reparieren kann? Wer Kindern Nachhilfe geben würde? Wer Musikinstrumente unterrichtet, Obstbäume schneidet, eine Nähmaschine besitzt oder sich mit Künstlicher Intelligenz auskennt? Hier liegt eine bislang ungenutzte Ressource unserer Partei.
Werkzeugbibliothek und Solidaritätsbrett
Wenn wir Geschäftsstellen und Abgeordnetenbüros stärker als soziale Orte verstehen, eröffnet sich eine neue Perspektive. Natürlich bleiben sie Orte politischer Diskussion, demokratischer Willensbildung und organisatorischer Arbeit – Kristallisationspunkte organisierender Klassenpolitik. Doch dazu gehört für uns auch, dass Menschen ihre Fähigkeiten miteinander teilen und einander unterstützen. Diese Solidarität wirkt zugleich gegen den Rechtsruck. Denn neben richtigen politischen linken Forderungen schafft sie ein Gemeinschaftsgefühl und setzt rechten Narrativen etwas Konkretes und Alltägliches entgegen.
Eine Werkzeugbibliothek ist dafür vielleicht das einfachste Beispiel. Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine praktische Serviceidee. Tatsächlich erzählt sie von einer anderen Vorstellung des Zusammenlebens. Warum sollte jede und jeder eine Schlagbohrmaschine, eine Küchenmaschine oder eine Leiter besitzen, obwohl diese Dinge oft nur wenige Stunden im Jahr genutzt werden?
Warum nicht Werkzeuge gemeinschaftlich anschaffen – etwa über oben beschriebene Fonds – oder von Mitgliedern zur Verfügung stellen und unkompliziert verleihen? Das spart Geld, schont Ressourcen und schafft Begegnungen.
Dasselbe gilt für viele andere Dinge: einen Beamer, einen Pavillon, einen Einkochautomaten oder eine Sackkarre. Nicht alles muss jede und jeder besitzen. Vieles lässt sich gemeinsam nutzen. Ähnlich verhält es sich mit einem Solidaritätsbrett. Dort würden nicht nur Angebote und Gesuche nebeneinanderstehen. Es würde sichtbar machen, welche Fähigkeiten und welches Wissen in einem Ortsverband vorhanden sind. Eine Elektrikerin bietet ihre Hilfe bei kleineren Reparaturen an, eine Musikpädagog*in gibt Gitarrenunterricht, eine pensionierte Lehrer*in organisiert Hausaufgabenhilfe. Eine IT-Administrator*in unterstützt Menschen im Umgang mit Smartphone und Computer, eine Schneider*in leitet dabei an, Kleidung zu reparieren, statt sie wegzuwerfen.
Andere laden zum gemeinsamen Kochen ein, zu Sprachstammtischen, zu Infoabenden über Balkonkraftwerke oder zu Workshops über den kritischen Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Keine dieser Ideen kostet viel Geld. Fast alle leben davon, dass Mitglieder bereit sind, ihre Fähigkeiten freiwillig miteinander zu teilen. Genau dadurch entsteht etwas, das sich weder kaufen noch verordnen lässt: Gemeinschaft.
Keine Privatisierung des Sozialstaats
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, öffentliche Daseinsvorsorge durch Ehrenamt zu ersetzen oder staatliche Aufgaben zu privatisieren. Im Gegenteil: Gerade weil wir als Linke für einen handlungsfähigen Sozialstaat und starke Kommunen eintreten, wissen wir, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt mehr braucht als Gesetze und Verwaltungsstrukturen.
Er entsteht dort, wo Menschen freiwillig Verantwortung füreinander übernehmen und sich als Teil einer solidarischen Gemeinschaft erleben. Gleichzeitig eröffnet ein solches Miteinander vielen Genossinnen und Genossen praktische Gestaltungsspielräume, in denen sie sich als Handelnde und nicht als ohnmächtige Getriebene erfahren.
Darin liegt auch eine neue Perspektive auf unsere Mitgliedschaft. Mitglieder sind nicht nur diejenigen, die wir für Kampagnen mobilisieren oder für Wahlkämpfe gewinnen wollen. Sie sind politische Subjekte mit eigenen Erfahrungen, Talenten, Ideen und Visionen. Sie gestalten ihren Betrieb, ihre Nachbarschaft, ihre Familie, ihr Ehrenamt und ihr kulturelles Umfeld.
Moderne Organisationsentwicklung bedeutet deshalb vielleicht nicht nur, mehr Mitglieder zu gewinnen oder sie besser einzubinden. Sie bedeutet auch, Räume zu schaffen, in denen Menschen einander kennenlernen, ihre Fähigkeiten sichtbar machen und gemeinsam Neues entwickeln können – für sich selbst und für die Menschen vor Ort.
Politik beginnt im Alltag
Die Partei wird dadurch nicht unpolitischer – im Gegenteil. Sie gewinnt gesellschaftliche Tiefe. Denn Politik entsteht nicht erst in Parlamenten, Wahlkämpfen oder Kampagnen. Sie beginnt dort, wo Menschen ihren Alltag gemeinsam gestalten, Verantwortung füreinander übernehmen und erfahren, dass Solidarität kein abstrakter Begriff ist, sondern gelebte Praxis.
Linke Politik war immer dann besonders stark, wenn sie tief im Alltag der Menschen verwurzelt war. In Arbeiterbildungsvereinen, Genossenschaften, Gewerkschaften oder Nachbarschaftsinitiativen wurde Politik nicht nur diskutiert, sondern gelebt.
Es lohnt sich, an diese Tradition anzuknüpfen – nicht aus nostalgischer „Arbeiterromantik“, sondern als Antwort auf eine Gesellschaft, in der Vereinzelung und Einsamkeit zunehmen und Orte des Miteinanders seltener werden. Gerade auch Marginalisierte und Unterdrückte brauchen Räume, die sie zusammen mit anderen als ihre eigenen begreifen können.
Eine Einladung zur Debatte
Es heißt: Wenn der Raum existiert, kommen die Ideen von selbst. Geschäftsstellen und Abgeordnetenbüros könnten genau dieser Raum sein. Nicht jede Geschäftsstelle muss dasselbe anbieten. Die eine beginnt mit einer Werkzeugbibliothek, die nächste mit einem Repair-Café, eine dritte mit einem Solidaritätsbrett oder einem regelmäßigen Musikunterricht. Andere organisieren Kleidertauschbörsen, Fahrradwerkstätten, Digitalsprechstunden oder gemeinsame Kochabende. Entscheidend ist nicht das einzelne Angebot, sondern die Haltung dahinter.
Wir verstehen diese Überlegungen ausdrücklich nicht als fertiges Konzept. Sie sind eine Einladung zur Diskussion mit Vorständen der Kreis- und Ortsverbände, den Mitarbeitenden in den Geschäftsstellen und natürlich den Mitgliedern. Denn ein solcher Wandel erfordert Umdenken, ein anderes Rollenverständnis – und zu Beginn möglicherweise sogar (erstmal) zusätzliche Arbeit.
Welche Fähigkeiten schlummern in unseren Basisorganisationen? Welche Ideen gibt es bereits? Welche Rolle haben unsere Mitglieder jenseits des Wahlkampfs? Wie können wir unsere Geschäftsstellen noch stärker zu Orten machen, an denen Solidarität nicht nur gepredigt, sondern ganz selbstverständlich organisiert und gelebt wird?
Vielleicht beginnt dieser Weg tatsächlich mit einem Akkuschrauber im Regal oder einem neuen Schwarzen Brett. Vielleicht entsteht daraus aber auch etwas Größeres: eine Partei, deren Mitglieder nicht nur gemeinsam Politik machen, sondern auch gemeinsam Alltag gestalten und in ihren Nachbarschaften zu einem Kollektiv werden.
Eine Partei, deren Geschäftsstellen nicht nur Arbeitsorte sind, sondern soziale Orte. Eine Partei, die nicht nur über Solidarität spricht, sondern Räume schafft, in denen sie jeden Tag erfahrbar wird. Denn am Ende lebt Solidarität nicht von Forderungen und Programmen allein. Sie lebt davon, dass Menschen ihre Zeit, ihre Fähigkeiten, ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander teilen – und daraus etwas Gemeinsames entstehen lassen.
Wir freuen uns auf die Debatte mit euch und viele spannende Beiträge.
Beim Brainstorming zu diesem Artikel entstand eine lange Liste von Ideen, die hier den Rahmen sprengen würde, wir liefern die aber auf Anfrage gerne nach.