Egon Krenz - der letzte kommunistische Staatschef

Egon Krenz in seinem Haus an der Ostsee

Nur wenige Tage war Egon Krenz Staatsratsvorsitzender der DDR, dann folgte die Wiedervereinigung mit dem westlichen Restdeutschland. Anschließend wurde ihm der Prozess gemacht: Wegen seiner Mitverantwortung für die Toten an der innerdeutschen Grenze wurde Krenz zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Seit seiner Entlassung im Jahr 2003 lebt er in Dierhagen an der Ostsee, wo ihn der Berliner Filmemacher Lutz Pehnert über zwei Jahre kontinuierlich immer wieder interviewte. Aus den Gesprächsprotokollen mit dem ehemaligen Staatschef entstand nun der Film „Kommunist“. Zwei Stunden berichtet Krenz über die Lebensumstände und seinen politischen Werdegang. Illustriert wird die Schilderung mit Archivbildern aus DDR- und Wendezeiten. Krenz stellte sich nach der Auflösung der DDR in TV- und anderen öffentlichen Runden der Diskussion.

Bürgerrechtlerinnen wie Marianne Birthler und Bärbel Bohley gaben ihm ordentlich Feuer, Krenz‘ Erwiderungen sorgten sowohl für krasse Ablehnung als auch für Zustimmung. Wer in der DDR Zoff mit Partei und Behörden hatte, gar im Gefängnis saß, empfand seine Rechtfertigungsreden als zynisch; wer selbst gut ausgekommen war, sah sich in Krenz‘ Ansichten gespiegelt. Wie eine Nachbarin des heute in Dierhagen an der Ostsee lebenden Rentners es ausdrückt: Er sei ihr FDJ-Vorsitzender und später verantwortlicher Politiker gewesen, somit Teil der eigenen Geschichte. 

Krenz selbst erläutert die oft rigiden politischen Entscheidungen der DDR-Führung kurz und knapp: Deutschland habe sich seit dem 2. Weltkrieg in einem (kalten) Bürgerkrieg befunden; die Blockkonfrontation zwischen Ost und West habe mitten im Land zu rigiden Maßnahmen wie der totalen Grenzsicherung und Überwachung sowie starken Reisebeschränkungen geführt. Er selbst habe sich in einer schwierigen Position befunden, habe noch vor der Wende 1989 mit den Ideen Michael Gorbatschows – Glasnost und Perestroika – sympathisiert, sich aber im von sehr viel älteren Mitgliedern dominierten Politbüro nicht durchsetzen können. Dass es keine militärische oder sonstwie gewalttätige Reaktion auf die zu Wendezeiten stattfindenden Großproteste gab, wird ihm immer noch zugerechnet.

„Ich bin Kommunist“, sagt er noch heute
„Ich bin Kommunist“ – ein Leben fernab der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sei sein Ideal, sagt der heute 89-Jährige, der aus einfachen Verhältnissen stammt, Armut kennengelernt hat und dessen Lebenslauf für die Funktionärselite eines anderen Deutschlands als das westdeutsche modellhaft steht. Pehnerts Film liefert ein bisweilen nostalgisches Bild dieses Landes mit tollen Szenen aus DDR-Indianerfilmen, das jedoch immer wieder durch kritische Einlassungen von Zeitzeugen gebrochen wird.
Schräg mutet an, dass Krenz’ Äußerungen im Film zum Teil von einer Frauenstimme – der von Produzentin Susann Schimk – verlesen werden; okay, warum nicht, denkt man sich, das ist der „gute alte, hier reanimierte V-Effekt“ des Theaters von Bertolt Brecht, sagt der an der DDR-Kulturlandschaft geschulte Regisseur. Pehnert, selbst Sohn des stellvertretenden DDR-Kulturministers Horst Pehnert, und vor, in und nach der Wende Redakteur der DDR-Jugendtageszeitung „Junge Welt“, beschreibt hier auch eigene Lebenszeit und Sozialisation. 

Auf Diskursebene dürfte sein Film einiges zu bieten haben: Die Reaktionen in der Presse („Bild“: "Mit Steuergeld geförderte Dokumentation: Kritik an Krenz-Film wegen ‚DDR-Propaganda‘ und ‚Verhöhnung‘ der SED-Opfer") wie auch die Diskussionen in sozialen Medien nach der Uraufführung beim Schweriner Filmfest reichen von Affirmation bis hin zu krass ablehnenden Kommentaren. Während die einen hier einen Teil ihrer Biografie auf der Leinwand wiederfinden, bekunden andere, der Ex-DDR-Bonze möge sich bitte für immer in Schweigen hüllen, er brauche nicht neuerlich die große Bühne.


„Kommunist“. D 2026. Regie: Lutz Pehnert. Kinostart: 11. Juni 2026
Trailer: https://salzgeber.de/kommunist