Was wir aus der Kampagne um Zohran Mamdani lernen können
- Franziska Heinisch, Liza Pflaum und Ronja Gerstadt
- www.imago-images.de
Vom Underdog zum Bürgermeister von New York in nur einem Jahr: Die Kampagne um Zohran Mamdani hat gezeigt, wie Linke gewinnen können - in den USA wie in Deutschland.
Im Herbst 2024 startet Zohran Mamdani seine Kampagne, um Bürgermeister von New York City zu werden – ein scheinbar aussichtsloses Vorhaben. Etwa ein Jahr später, am 4. November, gehen die Bilder des Wahlabends um die Welt. Mamdani – ein charismatischer Sozialist, ein Muslim, ein politischer Außenseiter – wird der neue Bürgermeister von New York City. Er gewinnt mit 50,5 % der Stimmen. Zwischen dem Beginn der Kampagne eines Außenseiters und einem fulminanten Sieg lag ein Jahr, in dem eine einzigartige Kampagne das Unmögliche möglich machte. Was kann Die Linke daraus lernen?
Der Kampagne um Zohran Mamdani ist es gelungen, mit strategischer Kommunikation und massenhafter Aktivierung neue Maßstäbe für linke Politik zu setzen. Der rote Faden der gesamten Kampagne: eine Strategie, um die arbeitende Klasse zu adressieren und zu erreichen. Der Kern dieser Strategie ist zum einen die strikte Orientierung an den Interessen der hart arbeitenden New Yorker*innen, zum anderen ihre politische Beteiligung und Aktivierung für den gemeinsamen Machtaufbau. Damit grenzte sich Mamdani hart von einem politischen Establishment ab, das Politik in erster Linie für sich und seine reichen Spender*innen macht.
Der Sieg von Zohran Mamdani lehrt uns nicht nur, dass Gewinnen möglich ist. Er schärft vor allem den Blick für die Gelingensbedingungen, unter denen wir die Kräfteverhältnisse verändern können.
Im Oktober und November konnten wir uns die Kampagne aus nächster Nähe ansehen und zahlreiche Gespräche mit zentralen Akteuren der Kampagne führen. Wir sind überzeugt: Ein Erfolg der Größenordnung, wie ihn Mamdani und sein Team in New York aufgebaut haben, ist auch in Deutschland möglich. Doch was es dafür braucht, ist die ehrliche Bereitschaft, die Strategie der Kampagne zu verstehen und sie als Ausgangspunkt für unsere Arbeit zu nutzen. Eine oberflächliche Nachahmung einzelner Kampagnen-Elemente hingegen wird uns keinen Erfolg bringen. Denn von Zohran Mamdani zu lernen heißt, eine Linke aufzubauen, die in der Lage ist, die Machtfrage zu stellen. Und zwar indem sie ernsthaft ausbuchstabiert, was es braucht, damit die Macht der arbeitenden Menschen zum Tragen kommt.
Eine wirksame Strategie oder: Wie David Goliath besiegen kann
Für den bekannten US-Organizer Marshall Ganz – dessen Arbeit auch einen bedeutenden Einfluss auf die Organizing-Strategie der Mamdani-Kampagne hatte – bedeutet Strategie: „Das, was wir haben, zu dem zu machen, was wir brauchen, um das zu erreichen, was wir wollen.”
Demgemäß bedeutet eine Strategie zu entwickeln, die vorhandenen Ressourcen so anzuordnen und einzusetzen, dass sie einen Gesamtplan ergeben. Ganz bezeichnet das als Ressourcenherausforderung. Diese ergibt sich daraus, „dass die Herausforderer des Status quo selten Zugang zu den konventionellen Ressourcen haben, die den Verteidigern des Status quo zur Verfügung stehen.“
Um zu verdeutlichen, was er genau damit meint, nutzt er die Geschichte von Davids Kampf gegen Goliath. Der junge Hirte David besiegt den riesigen, schwer bewaffneten Krieger Goliath mit seiner Steinschleuder. Er schafft das, weil er seine bescheidenen Mittel kreativ einsetzt. So tritt er als scheinbar Schwächerer oder Unterlegener gegen einen sehr starken, mächtigen Gegner an – und gewinnt überraschend.
Pläne zu entwickeln, mit denen David gegen Goliath gewinnen kann: Das beschreibt die Ressourcenherausforderung, die sozialistische Politik bewältigen muss.
Wie also kann es gelingen, einen sozialistischen Kandidaten zum Bürgermeister von New York zu wählen? Die Kampagne um Mamdani beantwortete das mit der Kraft der vielen hart arbeitenden New Yorker*innen, die von der bisherigen Politik im Stich gelassen und verhöhnt werden. Ihre politische Macht aufzubauen und so zu organisieren, dass sie es mit den Superreichen und ihren Verbündeten aufnehmen können, war die Hauptherausforderung der Kampagne. Das Team um Mamdani leitete aus dieser Herausforderung drei wesentliche Eckpfeiler für die Kampagne ab, um die Machtfrage zu stellen:
Erstens suchten sie die Konfrontation mit dem politischen Establishment und stellten die arbeitenden Menschen als ein Wir – das über die gesamte Dauer der Kampagne aufgebaut und betont wurde – ins Herz ihrer Arbeit.
Zweitens entwickelten sie eine klare strategische Kommunikation und sehr konkrete, realisierbare Forderungen, die an den Alltagssorgen der New Yorker*innen ansetzten („Wie wird New York bezahlbar?“). Diese wurden zum Ausgangspunkt der Auseinandersetzung um das „große Ganze“: In wessen Interesse wird Politik gemacht und wer hat die Macht, daran etwas zu verändern?
Und drittens wählten sie eine Kampagnenführung, die sich zum Ziel setzte, so viele Menschen wie möglich zu involvieren und zu beteiligen, um den Wahlerfolg zu schaffen und – noch entscheidender – einen plausiblen Pfad zur Durchsetzung der Forderungen zu zeichnen.
Mit anderen Worten: Die entscheidenden Elemente der Strategie in der Kampagne um Zohran Mamdani waren ein klares Anti-Establishment-Profil, verbunden mit einem starken Oben-Unten-Narrativ, sehr klare Forderungen und Botschaften sowie Massenaktivierung und Organizing. In diesem Text wollen wir skizzieren, wie diese Elemente in der Kampagne umgesetzt und strategisch angeordnet wurden, um David gegen Goliath in Stellung zu bringen – oder auch: um als Sozialist*innen New York zu gewinnen.
Anti-Establishment als Klammer der Kampagne
Am 26. Oktober, neun Tage vor der Bürgermeisterwahl, fand die letzte Rallye vor der Wahl statt. Schon beim Aussteigen aus der U-Bahn zeigte sich, dass diese Kampagne Großes aufgebaut hatte: 13.000 Menschen bahnten sich ihren Weg zum Forest Hills Stadium in Queens, New York. Sie alle sind gekommen, weil sie Teil einer Bewegung geworden sind, die seit einem Jahr für eine andere Politik kämpft. Nachdem Krankenpfleger*innen, Busfahrer*innen und Starbucks-Baristas das Stadion mit kämpferischen Reden angeheizt haben, tritt Kathy Hochul auf die Bühne. Hochul ist die Senatorin des Staates New York und gehört zum demokratischen Establishment. Erst kurz vor der Wahl sprach sie Unterstützung für Zohran Mamdani aus – als sie kaum noch anders konnte. Als Hochul zu reden beginnt, fangen Tausende Menschen an zu schreien. Sie jubeln nicht, sondern sie konfrontieren die Senatorin lautstark mit der Aufforderung, zu handeln: „Tax the Rich!“. Das ist der Beitrag, den sie leisten muss, um die Forderungen der Wahlkampagne zu realisieren.
Diese Situation ist ein Symbolbild der Politik, die die Kampagne um Zohran Mamdani über ein Jahr systematisch aufgebaut hat: Anstatt im Hinterzimmer abseits der Öffentlichkeit zu verhandeln, konfrontierte die Kampagne an diesem Abend Hochul mit der Kraft und Hoffnung Tausender Menschen, die kein „Weiter so“ dulden. Der Kampf gegen das politische Establishment, verbunden mit konsequentem Machtaufbau durch Beteiligung, war die Klammer der gesamten Kampagne, mit der der Underdog Zohran Mamdani Millionen Herzen und Köpfe gewann.
Das Fundament der Kampagne bildete die Erzählung, dass Zohran Mamdani gegen das politische Establishment kämpft, das das Leben der lohnabhängigen New Yorker*innen über Jahrzehnte verschlechtert hat. Statt sich diesem anzubiedern, kämpft er für eine echte und spürbare Veränderung – für und mit den arbeitenden Menschen. Sein Ziel: dass sich im Leben der Mehrheit der Menschen wirklich etwas zum Besseren verändert. In allen Fernsehdebatten ging Mamdani in den Frontalangriff auf Cuomo und das politische Establishment und grenzte sich damit deutlich von diesem ab.
Zentrales Element dabei war seine Glaubwürdigkeit: Zohran Mamdani machte seinen Wahlkampf spürbar anders als die anderen und demonstrierte so, dass er es ernst meint: Während Politiker wie Cuomo auf Empfängen und exklusiven Wahlveranstaltungen mit ihren Spendern anzutreffen sind, zeigt er sich als Teil der arbeitenden New Yorker*innen – seiner Klasse. Wo Cuomo von den gleichen Milliardären Spenden annimmt, wie Trump, bittet Zohran um (Kleinst-)Spenden von den New Yorker*innen selbst.
In der Kommunikation der Kampagne präsentierte Mamdani sich nicht in sterilen, sauberen, mit Politik assoziierten Räumen, sondern an den alltäglichen Orten New Yorks. Dort, wo das echte Leben spielt und dort, wo eben auch die New Yorker*innen selbst sind – in Delis, in der U-Bahn oder auf Community-Events. Er sprach mit ihnen, interagierte, schottete sich nicht ab, sondern stürzte sich ins Leben derer, um die es in der Kampagne ging. Die Kampagne zeigte Zohran Mamdani immer als Person, die im Gespräch mit den New Yorker*innen ist, ihnen zuhört und auf sie eingeht. Sein Auftreten transportiert Gemeinschaft und Respekt für den Alltag der New Yorker*innen.
Das verdeutlicht: Die Abgrenzung gegenüber dem politischen Establishment funktionierte bei Mamdani nicht nur über scharfe Angriffe auf den politischen Gegner, sondern vor allem auch über die Nähe zu den „eigenen Leuten“ und einen feinen Sinn für ihren Stolz und ihre Sehnsüchte. Das schuf die Voraussetzung für die Selbstermächtigung, die in der Aktivierung für die Kampagne eine wichtige Rolle spielte. Während die Kontrahenten als einzelne Politiker antraten, zeigte sich Mamdani als Teil einer Bewegung auf, als Teil eines Wir.
Die Botschaft: Zohran ist wie wir alle, er ist einer von uns – im Unterschied zu den anderen Kandidaten kennt er die Lebensrealität, in der wir uns bewegen. Es ging dabei darum, diejenigen zu erreichen, die schon lange die Hoffnung aufgegeben haben. Sie zu überzeugen, dass sich für sie je etwas zum Besseren ändern kann. Und sie entlang ihrer gemeinsamen Interessen für ein politisches Projekt zu gewinnen. Denn immer mehr Menschen aus der Arbeiter*innenklasse, haben das Gefühl, dass es egal ist, wer an der Macht ist – für sie ändert sich ohnehin nichts. Sie glauben, dass sie dem machtlos gegenüberstehen. Doch Mamdani gelang es, Hoffnung auf Veränderung zu schüren.
Drei Forderungen, drei Botschaften – mehr brauchte es nicht
Die Kampagne zog einen großen Teil ihrer Stärke daraus, dass diese Hoffnung auf Veränderung nicht abstrakt blieb. Der Kern der Kampagne um Zohran Mamdani bestand aus drei Forderungen und drei Botschaften, die einerseits so klar und einfach verständlich und vorstellbar waren, dass sie Menschen mobilisieren konnten, und die andererseits so lange wiederholt wurden, bis sie zum Mantra einer Bewegung wurden.
Die Forderungen
"Freeze the Rent, Make Buses Fast and Free und Deliver Universal Childcare"
standen während der gesamten Kampagne im Zentrum. Um sie herum wurde alles andere gebaut. Und das Wichtigste: Alle bezogen sich auf das vereinende Anliegen verschiedener Zielgruppen der Kampagne: eine bezahlbare Stadt („Make New York Affordable“). Sie sind keine leeren Worthülsen, sondern so konkret, dass jede*r sofort weiß, was sich dadurch im eigenen Leben ändert. Von Anfang an erhielt diese Agenda einen enormen Zuspruch. Sowohl an den Haustüren als auch auf Social Media. Diese Klarheit ermöglichte, dass viele Leute niedrigschwellig in der Kampagne aktiv werden konnten.
Aufbauend auf dem Fundament in Form des Anti-Establishment-Working-Class „Wir hier unten gegen die da oben“ bestimmten drei Kernbotschaften die gesamte Kommunikation der Kampagne:
1. Make the City Affordable.
2. End Corrupt Politicians.
3. Turn the Page on Politics.
Die erste Botschaft formuliert das Ziel der Kampagne und greift die Forderungen auf: eine Stadt, in der sich jede*r leisten kann zu wohnen, Kinder großzuziehen und zur Arbeit zu fahren. Die zweite benennt den Grund, warum das derzeit nicht der Fall ist, und wer dem im Wege steht: New York wurde seit Jahrzehnten von korrupten Politiker*innen regiert, die nur ihren superreichen Verbündeten zugearbeitet haben und nicht den arbeitenden Menschen. Cuomo ist einer davon, Zohran nicht. Die dritte Botschaft beschreibt den Weg der Veränderung und unterstreicht die Dringlichkeit: Es muss sich endlich etwas ändern; es braucht einen Wechsel, es ist unsere Zeit – und Zohran ist der Kandidat, der entschlossen ist, in diesem Sinne zu handeln.
Zusammengenommen funktionierte die strategische Kommunikation folgendermaßen: Das Anti-Establishment-Profil bildet die Grundlage. Die Forderungen stehen im Zentrum; sie kommen insbesondere in der ersten Botschaft vor. Zusammengenommen mit den anderen beiden Botschaften entsteht ein stimmiges Bild und eine kohärente, für alle verständliche Geschichte. Diese stellt nicht nur den direkten Bezug her, was die Kampagne im eigenen Leben bedeutet, sondern sie bietet auch eine sehr klare politische Analyse an, die – breit gestreut und immer wiederholt die Angriffe politischer Gegner vorwegnehmen und in die Erzählung einordnen kann.
Wirksam wurden diese Botschaften aber erst durch eine enorme Kommunikationsdisziplin: Jedes Video, jede kommunikative Handlung, jede Interaktion der Kampagne musste mindestens eine, besser zwei der zentralen Botschaften enthalten. Ohne eine der drei Botschaften wurde kein Zitat für die Presse, keine Social-Media-Caption und kein Video veröffentlicht. Sie stellen das strategische Rückgrat der Kampagne dar. Jede Person, die in der Kampagne mit Kommunikation zu tun hatte, hatte diese Botschaften fett gedruckt vor sich auf dem Schreibtisch stehen.
Zu der Kommunikationsdisziplin gehörte auch, dass Mamdani Themen wie Migration oder seine eigene pro-palästinensische Haltung, mit denen die Rechten versuchten zu spalten und selbst Kampagne zu machen, nicht als eigene Themen mit eigenen Forderungen bespielte. So ließ er sich nicht aufs Feld seiner Gegner*innen ziehen. Stattdessen wurden sie in das Narrativ der Kampagne eingewoben: Spaltungsversuche und Bedrohungsmythen wurden zurückgeführt auf Beweisführungen für die korrupte Politik, denen keine Hetze zu schade ist, um an der Macht zu bleiben (Botschaft 2), die sich lieber Fantasiegeschichten überlegt, statt die realen Probleme zu lösen und New York bezahlbar zu machen (Botschaft 1), und angesichts derer es Zeit ist, diese Versuche zu überwinden und gemeinsam eine neue Ära New Yorks zu beginnen (Botschaft 3). Diversität, kulturelle Identität und die Anerkennung für verschiedene Communitys wurden in der Kampagne glaubhaft transportiert, indem sie subtil, aber prominent eingewoben wurden in die Erzählung eines großen „Wir“ eingewoben wurden. Das entspricht der Kommunikation im Sinne des Race-Class-Narrativs, das sich schon an vielen Stellen als wirksame Kommunikationsweise erwiesen hat.
Massenaktivierung als Motor der Kampagne
Doch wie entfaltet dieses “Wir” in der Erzählung der Kampagne tatsächlich die notwendige Macht, um Veränderung zu bewirken? Oder anders gefragt: Was ist ein plausibler Plan, um die proklamierten Ziele der Kampagne zu erreichen? Diese Schlüsselfrage beantwortete die Kampagne mit Massenaktivierung, also: mit vielen Menschen, die etwas verändern, indem sie gemeinsam dafür kämpfen.
Denn klar war: Es wird nur gelingen, einen sozialistischen Bürgermeister zu wählen, die Forderungen, für die er antritt, durchzusetzen, mit der korrupten Politik zu brechen und eine neue Ära der Politik einzuläuten (Achtung: Kernbotschaften!), wenn viele Menschen bereit sind, für ihre Anliegen aktiv zu werden und so politischen Druck aufzubauen. Folgerichtig musste es gelingen, Zehntausende New Yorker*innen zu aktivieren und Millionen zu beteiligen. Genau das setzten sich Mamdani und sein Team zum Ziel. Massenaktivierung war der Hebel der Kampagne, um die Wahl zu gewinnen und jetzt – nach der Wahl – die Macht zu haben, die zentralen Forderungen umzusetzen.
Haustürgespräche und Organizing-Ansätze waren deshalb in der Kampagne nicht nur ein Nice-to-have-Mittel neben vielen anderen, sondern die Aktivierung Zehntausender wurde zum Motor der Kampagne. Dieser Motor sorgte dafür, unzählige Menschen vor die Entscheidung zu stellen, für ein gemeinsames Anliegen zu kämpfen.
Dafür waren mehrere Elemente entscheidend:
Mit drei Klicks zum Haustüreinsatz
Das Team um Mamdani baute die Kampagne so, dass Mitmachen so einfach wie möglich war. Mit drei Klicks konnte man sich zum Haustüreinsatz in seiner Nähe anmelden und erhielt alle weiteren Infos per Mail. Vor Ort bekam man eine kurze Einweisung und schon ging es los. Hauptmobilisierungsmittel zum Mitmachen war Mamdanis Kommunikation. So endete etwa ein Großteil seiner Social-Media-Videos mit dem Aufruf „Komm mit uns an die Haustüren“.
So gelang es, die Aktivierungsstruktur immer weiter zu füttern. Teil davon waren auch technische Elemente wie beispielsweise ein Chatbot. Dieser sorgte dafür, dass Personen, die Posts unterstützend kommentierten, Direktnachrichten erhielten, in denen sie eingeladen wurden, Teil der Kampagne zu werden. Mehr kann man nicht ausstrahlen: Wir wollen mehr werden, weil wir nur so gewinnen können. Am Ende beteiligten sich mehr als 100.000 Menschen, die an mehr als 3 Millionen Haustüren klopften.
700 Field Leads als stabiles Gerüst
Um Zehntausende Aktive in eine tragfähige Struktur zu übertragen, war ein stabiles Gerüst der Haustür-Kampagne entscheidend – eine Kultur, die Verantwortungsübernahme wertschätzte und auf großem Vertrauen ineinander fußte.
Wichtigster Teil der Haustür-Kampagne waren etwa 700 sogenannte Field Leads. Viele von ihnen, gerade die erste Gruppe von Field Leads, die bereits im Dezember 2024 startete, waren erfahrene Mitglieder von DSA New York City. Sie waren es, die großteils einmal pro Woche Haustüreinsätze anleiteten – manche ein Jahr lang. Sie waren auch für das soziale Miteinander prägend, veranstalteten soziale Events für die Haustür-Aktiven und bauten die Field-Lead-Struktur der Kampagne auf, indem sie neue Field Leads empfahlen und ausbildeten. Für die Aktiven waren sie in der Regel das Gesicht der Kampagne vor Ort und als Multiplikator*innen der zentrale Hebel, um die Mobilisierung von Aktiven in konkrete Aktivität zu übersetzen.
Deshalb wurde diese Struktur akribisch aufgebaut. Zu Beginn übernahmen erfahrene Organizer*innen diese Rolle; anschließend konnte nur Field Lead werden, wer von einem anderen Field Lead empfohlen wurde. Sie wurden dann zusätzlich ausgebildet. Herzstück davon war das Storytelling: Warum bin ich hier aktiv? Warum kämpfen wir gemeinsam? Warum jetzt? Es schließt sich der Kreis: Dieses Schema, eine gemeinsame Erzählung der Aktiven zu entwickeln, wurde maßgeblich vom US-Organizer Marshall Ganz geprägt.
Eine Frage der Kultur
Wöchentliche Haustüreinsätze über Monate anzuleiten, ist ein enormes Bekenntnis zu der Kampagne. Sie spiegeln wider, dass die Kampagne nicht davor zurückschreckte, den Plan zum Sieg offensiv zu formulieren – verbunden mit großen Entscheidungen. Die Kampagne förderte Verantwortungsübernahme und größere Aktivität systematisch – sei es über Austauschtreffen nur für besonders aktive Haustür-Aktive, über Anreize wie exklusiven Merch, wenn man in einer bestimmten Zeit eine größere Anzahl von Haustüreinsätzen machte, und über das Modell der Field Leads, mit der charismatische sowie politisch und strategisch starke Canvasser*innen eine Führungsrolle in der Kampagne übernehmen konnten.
Diese Systematik ist nur ein Teil des Fokus auf Community-Building, also auf Vertrauen, Identifikation, Gemeinschaft und das Herstellen eines gemeinsamen Ziels, der in der Kampagne gelebt wurde: Aktive vernetzten sich in WhatsApp-Gruppen, lernten sich kennen und feierten gegenseitige Erfolge. Soziale Events, die häufig im Anschluss an Haustürgespräche stattfanden, förderten das Gemeinsame und dienten als Motor für die eigene Motivation. Das alles waren zentrale Elemente, die den Motor der Kampagne mit Leben füllten.
Das war erst der Anfang
Mamdanis fulminanter Wahlsieg war kein Zufall und auch kein „New-York-Phänomen“, das nur auf günstige Umstände und Bedingungen zurückzuführen ist, sondern die Belohnung für eine einzigartige Kampagne. Diese basiert auf einer Strategie, die vom Ende her gedacht war und so der von Marshall Ganz beschriebenen Ressourcenherausforderung erfolgreich begegnen konnte: Wie verwandeln wir das, was wir haben, in das, was wir brauchen, um das zu erreichen, was wir wollen? Dazu griffen die beschriebenen Elemente der Kampagne wirksam ineinander und machten möglich, was wir alle auf den Fernsehbildschirmen, in den Zeitungen und auf Social Media verfolgen konnten.
Doch der Sieg am 4. November war erst der Anfang. Jetzt, da Mamdani im Amt ist, geht es darum, zu liefern. Dafür muss es dem Team und den Kern-Aktiven um Zohran Mamdani gelingen, ihre Bewegung zu verstetigen, die Beteiligung und Einbindung der New Yorker*innen weiterzudenken und in ein politisches Vehikel und in politische Macht zu übersetzen, mit der die Kernforderungen der Kampagne tatsächlich umgesetzt werden können.
Das bedeutet auch, eine andere Art der Politik zu erproben, mit der es gelingt, auch nach der Wahl den Druck von der Straße und die Kraft der Tausenden Aktiven einzusetzen, um politische Vorhaben durchzusetzen. Denn das eigentliche Kräftemessen beginnt erst jetzt.
Die ersten Anzeichen, wie das Team um Mamdani das angeht, sind vielversprechend: Seit dem Wahlabend arbeitet ein Transition Team daran, die zukünftige Administration vorzubereiten. Einige der Field Leads der Kampagne haben die Organisation “Our time is Now” gegründet, die sich die Verstetigung der Aktivitäten und den Druckaufbau zum Ziel gesetzt hat. Erst kürzlich führte Zohran Mamdani 12 Stunden lang 1:1-Gespräche, um von den New Yorker*innen zu hören, was ihnen wichtig ist. Das alles passierte vor dem ersten Tag, an dem Mamdani Bürgermeister ist. Das verdeutlicht: Linker Macht- und Strukturaufbau ist keine Sache für eine Kampagne – sondern eine Daueraufgabe.
Und Die Linke?
Viele Elemente, die in der Kampagne um Mamdani eine wichtige Rolle gespielt haben, hat sich auch Die Linke im Bundestagswahlkampf und in den vergangenen Monaten bereits angeeignet. Beispiele dafür sind die große Befragung, mit der Die Linke ihre Schwerpunkte aus den wichtigsten Anliegen der Menschen hergeleitet hat, oder 640.000 geklopfte Haustüren im Bundestagswahlkampf und erfolgreiche Direktwahlkämpfe. Hier wurde versucht, erste Schritte zur Massenaktivität zu machen. Das gelang nur, weil die Aktivitäten eingerahmt wurden von einem Oben-Unten-Narrativ und einer aktivierenden Ansprache, die zum Mitmachen einlud – sowie durch die enge Verschränkung von Organizing und Kommunikation.
Diese Elemente weiter auszubuchstabieren und zu erproben, wird der Schlüssel sein, um Kommunikation und Kampagnenführung in der Linken weiterzuentwickeln. Wir tun gut daran, dabei von Mamdani zu lernen: Sei es bei der nuancierten Gestaltung einer Klassenerzählung und einem Anti-Establishment-Profil, bei noch mehr Klarheit und Einfachheit in unseren Forderungen, mit dem Begriff “Bezahlbarkeit” als möglicher inhaltlicher Klammer oder Organisierungsversuchen in der Aufbauarbeit vor Ort, beispielsweise in der Mietenkampagne. Die Kampagne oder auch die anstehenden Wahlen sollten wir dabei als Lernfelder nutzen, um uns weiterzuentwickeln.
Sozialabbau, Militarisierung, der Aufstieg der Rechten und vieles mehr: Es geht für Die Linke in den nächsten Jahren um vieles. Aber die Kampagne um Zohran Mamdani lehrt uns: Mit einem guten Plan kann David gegen Goliath gewinnen.