Filmkritik

Das neue Evangelium

DAS NEUE EVANGELIUM Trailer Deutsch
  • VINCA FILM

Was Jesus wohl heute predigen würde – Regisseur Milo Rau möchte es herausfinden. Und er wäre nicht der Ausnahmekünstler, der er ist, wenn er nicht wie immer einen ganz besonderen Dreh für seinen neuen Film „Das neue Evangelium“ über die Passion Christi finden würde.
Auf der Suche nach Vorlagen für seine Erzählung wird er im Kino selbst, bei Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson, fündig. Beide drehten ihrerseits recht berühmt gewordene Filme über den christlichen Gottessohn. Und beide drehten in der italienischen Stadt Matera teils mit Laien – ein Casting, das auch Rau für seine Arbeiten bevorzugt.
Raus Filmteam geht vor Ort, findet dort durchaus noch Menschen, die an den vorangegangenen Filmen mitgearbeitet haben. Was Jesus wohl im 21. Jahrhundert alles sagen würde, wird indes auf andere Weise recht zügig beantwortet: Bei Matera liegt auch ein großes Flüchtlingslager, viele der Bewohner sind halb- oder illegal in der italienischen Agrarindustrie tätig. 14 Stunden am Tag ohne Absicherung leben sie, wenn sie nicht auf dem Feld stehen, in selbstgebastelten Hütten. Nicht wenige Frauen müssen sich als Prostituierte verdingen. Seinen Filmmessias findet Rau in dem Politaktivisten Yvan Sagnet. Yvan/Jesus wandelt ins Flüchtlingslager, unter den Gestrandeten findet er seine „Jünger“ - eine Jüngerin nicht, auch in dieser Version, leider, sind's wieder nur Männer. Das ist seit 2000 Jahren so und bleibt's wohl auch.
Mit den Getreuen begibt sich Jesus ins Passionsspiel, das aber durchaus etwas anders als sonst verläuft. Gemeinsam mit ansässigen Kleinbäuerinnen und -bauern begründen sie eine Revolte der Würde: eine politische Kampagne für die Rechte der Rechtlosen: Die Felder denen, die darauf arbeiten.
Der Film gibt nicht immer eine stringente Handlung wieder. Immer wieder ist er durch Interviews mit Darstellerinnen oder Anwohnern und Geflüchteten durchbrochen, die ihre Geschichten einfließen lassen. Allein in Italien betreffen die beschriebenen Zustände mehr als 500.000 Menschen. Die großen Landwirte verdienen gut an ihnen, wo kein Arbeitsrecht durchgesetzt wird.
Raus spektakuläres Werk dürfte der Film des Jahres sein: Dokumentar- wie Spielfilm, politische Aktion. Bereits mit seinem Film „Kongo Tribunal“ hat der Regisseur gezeigt, wie man aus verschiedenen Genres – Theater, Dokumentation, Spielfilm – politisch wirksame Kunst herstellt. „Das neue Evangelium“ bleibt hinter seinen bisherigen, immer auch sehr öffentlichkeitswirksamen Arbeiten kaum zurück: Hauptdarsteller Yann Sagnet hat es mit dem Filmstart jedenfalls auf die Titelseiten der Zeitungen und Magazine geschafft – und so das Schicksal der Zugewanderten in Europa erneut auf die Tagesordnung gesetzt.

Der Film startet digital am 17. Dezember 2020. Die Kinos werden am Umsatz des Kartenverkaufs beteiligt. -> https://dasneueevangelium.de/#digitales-ticket