Wahlanalyse

Baden-Württemberg: Einzug verfehlt und trotzdem gewonnen

Am Ende war es knapp, aber es reichte nicht: Mit 4,4 Prozent verpasste Die Linke in Baden-Württemberg denkbar knapp den Einzug ins Stuttgarter Landesparlament. 

"Wir haben ein historisches Ergebnis erzielt, das beste, das wir jemals hatten. Deshalb sehe das Ergebnis mit einem lachenden und einem weinenden Auge", bilanziert die Vorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner. "Der Zweikampf zwischen CDU und Grünen hat dafür gesorgt, dass wir zerrieben wurden. Dennoch war es richtig, auf Themen zu setzen, die den Menschen wichtig sind, wie bezahlbarer Wohnraum oder ein Deckeln der Preise."
Tatsächlich war es die Dynamik der letzten Tage, die den Linken den fast schon sicher geglaubten Einzug in den Landtag im wahrsten Sinne des Wortes verhagelte. Eine große Rolle spielten dabei sexistische Aussagen des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel und eine SWR-Umfrage, die wenige Tage vor der Wahl plötzlich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Grünen und der CDU prognostizierte. Das veränderte alles. Die CDU kippte ihre bisherige Wahlstrategie und machte den Urnengang zum Lagerwahlkampf. Viele progressive Wähler*innen stand vor einem Dilemma: Wähle ich Die Linke oder verhindere ich durch die Wahl von Cem Özdemir, dass der rechtskonservative CDUler Hagel Ministerpräsident wird. „Die Frage, wer wird Ministerpräsident, hat den Wahlkampf entpolitisiert. Da ging es nicht mehr um Themen, sondern nur noch um Gesichter“, so Kim Sophie Bohnen, eine von drei Spitzenkandidat*innen der Linken in Baden-Württemberg. Der Parteivorsitzende Jan van Aken sieht das ähnlich: „Am Ende war entscheidend, dass Manuel Hagel so eine Pfeife ist, sodass ganz viele Menschen gesagt haben: Wir müssen Manuel Hagel verhindern“.

Das Duell zwischen Hagel und Özdemir hat den Wahlkampf entpolitisiert

Tatsächlich kostete dieses Duell Die Linke viele Stimmen. Viele Monate lag die Partei in den Umfragen konstant bei 7 Prozent. Das war kein Zufall, sondern Zeichen der erfolgreichen Parteiarbeit vor Ort. So konnte Die Linke im Ländle ihre Mitgliederzahl innerhalb weniger Monate fast verdreifachen: Mittlerweile gibt es über 10.000 Genossinnen und Genossen im konservativen Baden-Württemberg, von denen sich viele aktiv in den Wahlkampf einbrachten und an fast 130.000 Haustüren klingelten. Auch thematisch lag Die Linke auf einer Wellenlänge mit vielen Wähler*innen. Richtige Themen, tolle Kandidat*innen – trotzdem reichte es am Ende nicht für den Einzug ins Parlament. Das ist ärgerlich, aber keine Zäsur. 
Es gibt vieles, das Hoffnung macht: „Wir sind stark bei den Erstwähler*innen“, so Amelie Vollmer, Spitzenkandidatin in Baden-Württemberg. Tatsächlich hat Die Linke bei den Erstwähler*innen mit 14 Prozent einen zweistelligen Stimmenanteil. In den Altersgruppen 25 bis 34 Jahre (9 Prozent) sowie 35 bis 44 Jahre (5 Prozent) schaffte sie es über die 5-Prozenthürde. Doch bei den über 60-Jährigen kam sie nur auf 2 Prozent. Amelie Vollmer zeigt sich kämpferisch: „Unsere Zeit im Landtag wird kommen. Wir bleiben laut und organisieren die Opposition gegen Rechtsruck und sozialen Kahlschlag außerhalb des Landtag“. 

Die Linke ist stark bei jungen Wähler*innen

Mut machen auch die Ergebnisse in den Städten: Ihre besten Ergebnisse holte Die Linke bei jungen
Frauen in Städten (23 Prozent), in Großstädten (8 Prozent), bei Menschen muslimischen Glaubens (18 Prozent) und in Bezirken mit einem hohen Anteil migrantischer Menschen (6,8 Prozent). Zudem sind die Kompetenz-Zuschreibungen bei der Wohnpolitik um 4 Prozentpunkte gestiegen. Die Hälfte der Wähler*innen findet es gut, dass Die Linke Wohlhabende stärker besteuern will. Ein Drittel hätte sie gern im Landtag gesehen. Ein erstaunlicher Wert für eine Partei, die es dann doch nicht geschafft hat. 
Der Landtag ist weit nach rechts gerückt. Die Zusammensetzung ist bitter für alle, die für soziale Gerechtigkeit und Veränderung gestimmt haben. Doch in vier Jahren wird wieder gewählt. Und dann ist Die Linke drin. „Solange machen weiter mit Miet- und Sozialberatungen und bleiben für die Menschen ansprechbar“, verspricht Kim Sophie Bohnen.