Widersprüche organisieren - Eine in Schrecken und Hoffnung verbundene Welt
- Felix Ahls
Die aktuelle Weltpolitik verbindet. Menschen aus den verschiedensten Orten und Generationen überall auf dem Globus erleben die aktuellen Umbrüche mit ihren täglichen Katastrophen gemeinsam in Echtzeit, sowohl als direkte Ziele der Gewalt und Vertreibung, als auch über zunehmende Schwierigkeiten, den Lebensunterhalt und politische Freiheiten, so sie denn existieren, aufrechtzuerhalten. Von den Smartphones der Kinder, die ihre Einschulung während der Covid-19-Pandemie erlebten, zu den Fernsehern in den Pflegeheimen und in den Wohnzimmern, wo Menschen leben, deren erste Schuljahre während des letzten Weltkriegs stattfanden. Die rohe Machtpolitik, über die sich manche Vertreter*innen der herrschenden Klassen zumindest verbal beschweren, während andere sie einfach unverhüllt ausüben, schockiert schon fast niemanden mehr.
Weltpolitik verbindet auch diese barbarisierte Gegenwart mit ihrer Geschichte. Genauer gesagt: Die aktuelle, in Form offener Gewalt, ausgetragene Weltpolitik präsentiert die für den Kapitalismus charakteristische Barbarei in grellem Tageslicht, und auch in Nächten, die erhellt sind von Bomben und brennenden Öllagern. Krieg ist eines der häufigsten Wörter in den Nachrichten geworden. Sogar der Begriff Imperialismus wird als Beschreibung der aktuellen Politik wieder verwendet. Und zwar von den konservativsten Politiker*innen und Medien des Landes, nicht nur von Linken, die sich selbst bis vor ein paar Jahren kaum trauten, ihre eigenen Analysekategorien öffentlich zu verwenden. Das ähnelt sehr der Zeit, als während der Finanzkrise von 2008 wieder von Kapitalismus gesprochen wurde. Dessen weltweite Ausbreitung verbindet uns durch globale Arbeitsteilung, Klimawandel, Krieg und Vertreibung.
Vor diesem Panorama ist es nicht verwunderlich, dass sich auch auf ideologischem Gebiet in offenerer Form für den Kapitalismus typische Phänomene zeigen. Dazu gehört neben dem Erstarken und Radikalisieren der Rechten auch die Rückbesinnung vieler Teile der Linken auf ihre sozialistische Vergangenheit. Es wäre die Aufgabe einer sich als sozialistisch verstehenden Linken, diese Rückbesinnung zu einer schonungslosen Konfrontation mit den eigenen Illusionen und der eigenen Geschichte, das heißt unserer Gegenwart, zu machen. Es sollte darum gehen, sich als Linke bewusst zu werden über die eigene aktuelle Rolle, so handlungsunfähig und in Ungewissheit befangen sie auch sein mag. So sehr auch die tatsächliche Rolle, die wir in der heutigen Gesellschaft spielen, der uns selbst zugeschriebenen Rolle widerspricht. Wir sollten uns der Möglichkeiten bewusst werden, d. h. der realpolitischen Aufgaben, vor die wir aktuell gestellt sind, und diese mit den Langzeitzielen, die wir anstreben oder zumindest proklamieren, zu verbinden lernen. Um das erreichen zu können, sollten wir die Geschichte und Theorie unserer Bewegung ernst nehmen, nicht nur Ausschnitte daraus nutzen, die uns gefallen und ungefähr so klingen wie das, was wir uns wünschen oder gerade ohnehin tun. Wir sollten unsere eigenen Analysen ernst nehmen.
Es soll in diesem Artikel ein kritischer Blick auf die Rückbesinnung auf Konzepte oder Vertreter*innen der Linken, wie Marx, Luxemburg, Sozialismus, Klassenkampf, revolutionäre Realpolitik geworfen werden. Hält die Debatte darum, was sie verspricht? Behandelt sie, was sie glaubt, zu behandeln? Und was können wir daraus lernen für die wichtige, aber oft fehlende Diskussion über sozialistische Strategie in dieser langen nicht-revolutionären Epoche, in der wir uns seit über 100 Jahren wieder befinden? Revolution verstanden nicht als Gewaltakt, der nur eine politische Revolution herbeiführt, die Änderung einer Herrschaftsform oder gar nur den Austausch der Regierung; sondern als langwierigen Prozess, der eine grundlegende, eine qualitative Änderung der materiellen Grundlagen der Gesellschaft herbeiführt, vielleicht am ehesten beschrieben mit dem Begriff soziale Revolution.
Kapital ohne Sozialismus
Nach meinem Verständnis betrachteten Sozialist*innen wie Marx und Luxemburg die kapitalistische Gesellschaft als revolutionär, weil sie permanent ihre materielle Grundlage umwälzt und dabei das Potenzial entsteht, dass eine organisierte Bewegung der arbeitenden Klassen das Fortschrittliche darin zu einer Gesellschaft auf anderer Basis weiterentwickelt. Sie betrachteten sich als Ausdruck ihrer Zeit, proklamierten keine ewig gültigen Weisheiten über Kapital und Sozialismus und kritisierten und unterstützten die sozialistische Bewegung ihrer Zeit. Sie hatten im Unterschied zu heute eine Gesellschaft vor sich, zu der unter anderem eine zunehmend sozialistisch geführte Arbeiterbewegung gehörte, die in der Lage war, die Gesellschaft und damit sich selbst zu verändern. Vorläufig siegte jedoch die Barbarei über den Sozialismus. Zum Kapitalismus gehört offenbar nicht zu allen Zeiten auch eine Arbeiterbewegung und damit sozialer Fortschritt und das Potenzial von Sozialismus. Dieser subjektive, bewusste Faktor ist seitdem verschwunden, wurde von innen und außen zerstört. Auch die Arbeiterbewegung kann nicht mehr als solche bezeichnet werden, nur weil es noch Gewerkschaften gibt, die ihre Rolle in der Verwaltung des Verhältnisses von Kapital und Arbeit spielen. Auch die Abwesenheit der sozialistischen Arbeiterbewegung hat die kapitalistische Gesellschaft verändert.
Abhängig von ihrer eigenen Macht und ihrem Bewusstsein produziert die arbeitende Klasse unterschiedliche kapitalistische Gesellschaften. Deren Widersprüche stellen sich somit nicht zu allen Zeiten gleich dar. Die sozialistische Bewegung wurde von Sozialist*innen wie Luxemburg als das handelnde Bewusstsein des Selbstwiderspruchs der kapitalistischen Gesellschaft betrachtet. Sie ist in dieser Sichtweise auch in sich widersprüchlich, nicht das positive Andere, das den Kapitalismus bekämpft, sondern der bewusste Teil des Bestehenden, der dieses zum Sozialismus weiterentwickeln kann.
Durch den Kampf für bessere Lebensbedingungen im Bestehenden beispielsweise erzwang die Arbeiterbewegung die technologischen Erneuerungen, die Produktivitätssteigerungen, die ihre eigene Lebensgrundlage, die Lohnarbeit als Teil der Kapitalverwertung, untergruben. Der Kampf für Freiheit von der kapitalistischen Ausbeutung erzeugte die Verfestigung der Herrschaft des Kapitals. Die sozialistische Bewegung könnte als das handelnde Bewusstsein dieser Widersprüchlichkeit bezeichnet werden. Sie bekämpft nicht die Widersprüchlichkeit, sondern begreift sich als Teil davon und versucht, sie über sich selbst hinaus zu entwickeln. Wir leben in einer Zeit ohne dieses Subjekt, ohne dieses handelnde Bewusstsein.
Rückbesinnung als Selbstkritik
Ist eine sozialistische Strategie heute noch möglich? Eine einfache Antwort: Sie muss möglich sein. Oder es sollte andernfalls als unmöglich eingeschätzt werden, unser Ziel einer freieren, sichereren, auf menschliche Bedürfnisse ausgerichteten Gesellschaft, durch eine Überwindung ihrer kapitalistischen Grundlage, zu erreichen. Selbstverständlich beruht diese einfache Antwort auf einem instabilen Fundament von Unsicherheit und Hoffnung. Aber auch auf der Tatsache, dass keine gesellschaftliche Formation ewig währt. Jedenfalls können wir diese Frage nicht verneinen, nur weil seit Langem keine politisch revolutionäre Situation mehr besteht, in der sich die Macht einer sozialistischen Bewegung verwirklichen könnte. Ähnliche Phasen sind dem Sozialismus auch nicht neu. Auch die Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg bzw. vor der ersten Russischen Revolution von 1905 arbeitete beispielsweise in Zeiten der Reaktion, in Zeiten mehr oder weniger stabiler, bürgerlicher Verhältnisse. Wie gerade ausgeführt ist dieser Bezugspunkt aber mit Vorsicht zu genießen. Es waren andere Verhältnisse, aus denen die damaligen Kapitalismusanalysen und Strategiedebatten entstehen konnten. Es ist kompliziert. Versuchen wir einen nüchternen Blick.
Wenn wir eine solche Weiterentwicklung für möglich halten, dann auch eine revolutionäre Umgestaltung. Selbst in dieser Zeit, die gegen jede fortschrittliche Umgestaltung spricht, muss es bei dieser Grundannahme eine sozialistische Strategie geben können. Und diese muss auf Grundlage der realen Verhältnisse, welche unsere eigene Schwäche beinhalten, Arbeit innerhalb des Bestehenden sein. Selbstverständlich kann dabei nicht einfach als sozialistisch gelten, was sich als solches bezeichnet. Und es ist zumindest fraglich, ob Reformen des Bestehenden als fortschrittlich gelten können, nur weil sie „in die richtige Richtung“ gehen, etwa Umverteilungsmaßnahmen oder eine Ausweitung des Sozialstaats. Die Richtung dieser Maßnahmen müsste dabei ohnehin genau so offen und kritisch diskutiert werden, wie die Richtung der Umbrüche, die wir im Bestehenden erleben.
Bewusstes Eingreifen in die Umgestaltung unserer Gesellschaft ist gerade nicht möglich, weil der Sozialismus, die Bewegung, die das möglich machen würde, nicht existiert. Die Voraussetzungen einer solchen Bewegung müssten zunächst einmal organisiert werden. Hoffnung zu organisieren, wie es die Partei Die Linke aktuell ausdrückt, ist ein Teil davon. Ein anderer wäre, die Chance zu nutzen, durch die Umbrüche eine größere Freiheit von Illusionen zu erreichen.
Dabei kommt es mir hilfreich vor, dass die Linke sich auf Begriffe wie Sozialismus, sich auf Sozialist*innen wie Karl Marx und Rosa Luxemburg bezieht. Jenseits von Selbstvergewisserung, symbolischer Aneignung oder dogmatischem Zitieren würde der Wert einer ernsthaften Rückbesinnung darin bestehen, Demut gegenüber der Größe unserer Aufgaben zu entwickeln. Marx und Luxemburg, die in der deutschsprachigen Linken zurzeit wohl am häufigsten erwähnten Namen der revolutionären Periode des Sozialismus, können als guter Ausgangspunkt dienen, weil ihre Welt grundlegend weiterhin die unsere ist: die globalisierte menschliche Gesellschaft unter der Herrschaft des Kapitals. Wenn auch zu einem anderen Zeitpunkt in ihrer Entwicklung. Und bereichert um die Erfahrung eines vorläufigen Sieges der Barbarei über den Sozialismus.
Rückschritte sind wohl leider Teil des Fortschritts, wie der Tod ein Teil des Lebens ist. Marx’ Todestag am 14. März 1883 stellte für mich einen Anlass dar, mal wieder Rosa Luxemburgs jeweils zwanzig1 und dreißig2 Jahre danach veröffentlichte Artikel zu lesen, in denen sie an die wichtigsten Marxschen Erkenntnisse und ihre praktische Nützlichkeit für die sozialistische Bewegung ihrer Zeit erinnerte.
Luxemburg gibt vor allem in sehr kurzer Form ihre eigenen Einschätzungen zum Verhältnis von Sozialismus und Kapitalismus wieder und beschreibt die Geschichte von Theorie und Praxis des Sozialismus. Der erste Artikel, aus dem Jahr 1903, ist wohl der einzige Text, in dem Luxemburg den Begriff "Revolutionäre Realpolitik" verwendet. Ein Begriff, der auch heute immer wieder mit Bezug auf Luxemburg in Strategiedebatten eingebracht wird.
Ein Ausschnitt aus ihrem erwähnten Artikel „Karl Marx“ von 1903:
„Wenn wir nämlich als Realpolitik eine Politik erkennen, die sich nur erreichbare Ziele steckt und sie mit wirksamsten Mitteln auf dem kürzesten Wege zu verfolgen weiß, so unterscheidet sich die proletarische Klassenpolitik im Marxschen Geiste darin von der bürgerlichen Politik, daß die bürgerliche Politik vom Standpunkte der materiellen Tageserfolge real, während die sozialistische Politik es vom Standpunkte der geschichtlichen Entwicklungstendenz ist. Es ist genau derselbe Unterschied wie zwischen einer vulgärökonomischen Werttheorie, die den Wert als eine dingliche Erscheinung vom Standpunkte des Marktstandes, und der Marxschen Theorie, die ihn als gesellschaftliches Verhältnis einer bestimmten historischen Epoche auffaßt. Die proletarische Realpolitik ist aber auch revolutionär, indem sie durch alle ihre Teilbestrebungen in ihrer Gesamtheit über den Rahmen der bestehenden Ordnung, in der sie arbeitet, hinausgeht, indem sie sich bewußt nur als das Vorstadium des Aktes betrachtet, der sie zur Politik des herrschenden und umwälzenden Proletariats machen wird“3
Wenn wir uns schon auf Luxemburg beziehen und ihre wirklich weitreichenden und tiefgehenden Schriften dazu nutzen wollen, uns für unsere heutigen Aufgaben etwas Orientierung zu geben, dann sollten wir auch die praktischen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, ernst nehmen. Was nicht heißt, diese als Anleitung zu verstehen, sondern erst einmal nachzuvollziehen, wie sich zu ihrer Zeit diese Konsequenzen ergaben und wie weit weg sie von der heutigen Politik der Linken sind.
Luxemburgs theoretisch und praktisch herausragende Rolle in der sozialistischen Bewegung wird formell erinnert, aber einzelne Zitate oder das Berufen auf ihren Namen sind eben keine ernsthafte und keine ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit ihrem Wirken.
Anspruch und Realität
Die Diskrepanz zwischen dem positiven Bezug auf Luxemburg und Sozialismus im Allgemeinen, den man in den relevanten linken Organisationen, insbesondere natürlich in der Partei Die Linke und der Rosa-Luxemburg-Stiftung, findet, und den real vertretenen theoretischen und praktischen Positionen dieser Organisationen scheint mir – auch angesichts ihrer hier erwähnten Artikel – offensichtlich. Die grundlegende Ansicht der sozialistischen Linken, dass die kapitalistische Grundlage keine vernunftbasierte und bedürfnisorientierte gesellschaftliche Organisation ermöglicht, stützt sich unter anderem auf die Analysen von Marx und Luxemburg. Die politischen Ziele und Strategien der „klassischen“ Vertreter*innen“ des Sozialismus werden aber nur selten diskutiert. Es ging Luxemburg und vielen Sozialist*innen ihrer Zeit immer um die Herrschaft des klassenbewussten organisierten Proletariats, unter anderem in Form der sozialistischen Partei, als Vorbedingung der sozialen Revolution, der Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise.
Dieses Ziel verfolgten sie nicht, weil sie selbst eine unmittelbar bevorstehende Machtübernahme annahmen, sondern als Folge ihres Verständnisses der bürgerlichen Gesellschaft und der tatsächlich sich bildenden Macht der sozialistischen Bewegung in Form der Sozialdemokratie, d.h. der SPD und ihrer gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
Zu Luxemburgs Zeit wurde vor dem Hintergrund der wachsenden Macht der SPD intensiv über Wege zur Überwindung des Kapitalismus diskutiert. Heruntergebrochen ergab sich auf der einen Seite die Ansicht, dass Reformen des Bestehenden der Zweck der Politik seien, weil Aufbau des Sozialismus seien („Revisionismus“), und auf der anderen Seite die Position, dass Reformen Mittel zum Zweck der proletarischen Machtübernahme darstellen. Luxemburg stellt dar, dass die revisionistische Gegenposition darin mündet, den Sozialismus zwar noch als Ziel anzugeben, aber praktisch zu verwerfen.
Womit wir zugleich bei Ähnlichkeiten und Unterschieden zu heute dominierenden Positionen der Linken wären, auch jener, die sich auf Luxemburg und Begriffe wie „revolutionäre Realpolitik“ bezieht. In Bezug auf die Rückbesinnung mangelt es der Linken an Konsequenz, wenn die Gesellschaftsanalyse des revolutionären Sozialismus nur bis zu dem Punkt als treffend akzeptiert wird, wo sie die ohnehin aktuell vertretenen Positionen unterstützt, und ihre weiteren Schritte ignoriert werden. Die heutige Strategiedebatte der Linken scheint mir unbewusster Ausdruck unseres Scheiterns zu sein und fällt damit noch hinter den „klassischen“ Revisionismus zurück, der – gerade seinen Gegnern – als Ausdruck des Erfolgs der Bewegung galt.
Aus den Strategiedebatten dieser Vergangenheit lässt sich vielleicht lernen, was für Fragen eine Bewegung hervorbringen kann, die über die Macht und das Bewusstsein verfügt, sich selbst und die Gesellschaft praktisch mit ihren Widersprüchlichkeiten zu konfrontieren und diese weiterzuentwickeln. Dann schimmert das Ziel auf, eine Bewegung aufzubauen, die auch heute mächtig genug dazu wäre. Mit der Hoffnung, dass so praktisch Fragen aufgeworfen werden können, die der Größe des Problems, der angestrebten Überwindung des Kapitalismus, angemessen sind. Um zu begreifen, mit was für einer kapitalistischen Gesellschaft wir es zu tun haben, müssen wir sie verändern können. Wir müssen ein handelnder Teil werden, der mehr sein will als das, um mehr zu werden als das.
Konsequenzen, Illusionen und Fortschritt
Eine Alternative dazu wäre, in einer anderen Art konsequent zu sein, diese Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, die Unmöglichkeit revolutionärer Umwälzungen anzunehmen und entsprechend keine Illusionen mehr unter dem Banner des Sozialismus zu pflegen. Die Marx’sche und marxistische Analyse des Kapitals ist – jedenfalls nach Luxemburg – nicht zu haben ohne „die Brücke, die Marx zwischen der proletarischen Bewegung, wie sie elementar aus dem Boden der heutigen Gesellschaft emporwächst, und dem Sozialismus errichtet hat, war also: Klassenkampf um die politische Machtergreifung.“4 Die gesellschaftliche Weiterentwicklung , den Sozialismus, als Möglichkeit zu verwerfen, hat einige Berechtigung angesichts des Fehlens dieser proletarischen Bewegung. Der überwiegende Teil der Linken steht – uneingestanden – für diese Alternative.
Damit wäre dann der politische Standpunkt der überwiegenden Mehrheit der Menschen erreicht: Sozialer Fortschritt ist, wenn überhaupt, möglich, innerhalb der bestehenden Verhältnisse. Die politische Auseinandersetzung dreht sich für die fortschrittlichen und humanistischen Kräfte dann um sichere Lebensgrundlagen, bezahlbare Bildung, Wohnungen, Gesundheitsversorgung, gerechtere Vermögensverteilung und die Vermeidung von Krieg und zunehmender Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Also um die Frage, wie diese Verhältnisse am stabilsten erhalten und gleichzeitig gerechter, demokratischer und freier gestaltet werden können.
Ein Szenario, das selbst ziemlich illusionär erscheint und auch den eigenen Analysen der meisten Linken widerspricht. Es scheint, wie zuvor erwähnt, doch weiterhin so, dass unter kapitalistischen Verhältnissen keine freie, sichere, demokratische Gesellschaft erreicht werden kann. Wer diese Einsicht teilt, die wiederum durch die aktuelle Weltlage wohl einige Berechtigung erhält, der sollte auch die Größe und Langfristigkeit unserer Aufgaben akzeptieren, zu deren Verständnis der weite geschichtliche Horizont der sozialistischen Klassiker viel beizutragen hat.
Die Widersprüche organisieren
Die Partei Die Linke gibt der gerade begonnenen Debatte um ihr neues Grundsatzprogramm den Titel: „Hoffnung. Zukunft. Sozialismus“. Diese Ziele ernst zu nehmen, hat weitreichende Konsequenzen und erfordert langfristige Arbeit, gleichzeitig frei von Illusionen und frei von Angst.
Ich beteilige mich am Aufbau der Partei zu einer Organisation, die ihre Analysen ernst nimmt, ihre Möglichkeiten entsprechend einschätzt und eine langfristige Strategie verfolgt. Es geht darum, die Vorbedingungen für eine solche Strategie zu schaffen. Zu diesen würde für mich gehören, sich über die nächsten Jahre und Jahrzehnte als die legitime, politische Vertreterin der Interessen der arbeitenden Klassen zu bewähren; durch direkte und organisierende Solidaritätsstrukturen und klare und harte Abgrenzung gegenüber den Verwaltern des Bestehenden.
Auch zum Eingreifen in die aktuellen Katastrophen unserer Zeit, die bestehenden und drohenden Kriege, Verarmung und Entrechtung, benötigt es als Vorbedingung zunächst eines jahrelangen Machtaufbaus, wenn es nicht wie bisher bei symbolischem Protest bleiben soll. Weil zur organisatorischen Stärke aber auch das Verständnis für die Grundlagen unserer Gesellschaft, unserer politischen Probleme und Aufgaben, hinzutreten muss, um wirksam die riesigen Umwälzungen möglich machen zu können, die unsere Ziele erfordern, muss die Partei Möglichkeiten finden, für innere und äußere Aufklärung zu sorgen. Ein plausibler Weg scheint mir aktuell zu sein, über Auseinandersetzungen anhand konkreter Reformen und schon stattfindender Konflikte, Bewusstsein zu schaffen über die systemischen Hürden, die Reformen schließlich verhindern oder ihre Wirksamkeit notwendig begrenzen.
Egal, wie viele Krankenhausstreiks für Entlastung geführt und gewonnen werden: Sie können nicht die Rolle des Gesundheitssystems als Teil der Kapitalakkumulation überwinden; Privatisierung und Ökonomisierung, die die Grundlagen der offenbar untragbar gewordenen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und der Gesundheitsversorgung sind, können – unter den jetzigen Machtverhältnissen ohne sozialistische Arbeiterbewegung – nicht bestreikt werden. Die Solidarität und Handlungsfähigkeit der erfolgreich Streikenden erodieren dadurch wieder, dass ihre Erfolge sich bestenfalls als vorübergehende Scheinlösungen präsentieren.
Währenddessen müssen sie weiter schuften und dann noch zusehen, wie die Regierung ohne relevante Gegenwehr die weitere Verschlechterung der Gesundheitsversorgung organisiert. Und trotzdem müssen wir uns wehren, auch diese begrenzten Kämpfe führen, um sie zu politischen Kämpfen machen zu können. Denn sie drängen zum politischen Kampf gegen die eigentlichen Ursachen, der sich aber nicht unter allen Umständen und vor allem nicht spontan realisiert. Dazu braucht es eine Organisierung dieser Tendenz. Ich habe das Beispiel des Gesundheitssystems unter anderem gewählt, weil ich seit vielen Jahren darin arbeite und auch in diesem Feld politisch organisiert bin. Und diese Jahre waren ein gutes Lehrstück darin, wie wenig die genauste Kritik und die vernünftigsten Vorschläge ausrichten können, wenn ihnen die materielle Basis fehlt. Wenn ihre Zeit noch nicht gekommen oder vorbei ist und vor allem, wenn ihnen die Machtbasis fehlt, um durchgesetzt zu werden. Außerdem zeigt uns die Arbeit im Gesundheitswesen, wie es konkret aussieht, wenn menschliche Bedürfnisse nur Mittel zum Zweck, Mittel zum Zweck der Kapitalakkumulation sind. Die früher und stärker erkrankten Kinder und Erwachsenen der lohnabhängigen Klasse, ihre Körper und ihre Geschichten sind voll von den Zeichen der kapitalistischen Gesellschaftsform. Für viele Menschen, vielleicht für die Mehrheit, ist es offensichtlich, dass es auf kapitalistischer Grundlage niemals anders sein kann, dass menschliche Bedürfnisse niemals zum Zweck der gesellschaftlichen Organisation werden können. Aber die Handlungsoption fehlt.
Aufgabe der Partei wäre es, ein gesellschaftlich breit verankerter Ort zu sein, die Widersprüchlichkeit zwischen Tagespolitik und Endziel, zwischen den aktuell führbaren Konflikten und der damit verbundenen notwendigen politischen Übertretung des Aktuellen, auszuhalten und die Instabilität, die Reformunfähigkeit, nutzbar zu machen. In dieser Lage ist die Partei noch lange nicht, aber sie wird es erst recht nicht, wenn wir unsere eigenen Analysen und unsere Geschichte nicht ernst nehmen und nicht mit „rücksichtsloser, grausamer, bis auf den Grund der Dinge gehender Selbstkritik“5 den Tatsachen ins Auge blicken.
Wie von Luxemburg 1916 prognostiziert, finden wir den Sozialismus unter Trümmern zweier Weltkriege begraben6. Theorie und Praxis dieser Bewegung werden zu oft als lose Seiten daraus hervorgeholt und die eingestürzten Brücken scheinen nicht mehr benutzbar. Es ist unsere Verantwortung, dass die Trümmer, die sich jeden Tag weiter aufhäufen, nicht nur Menschen begraben, sondern auch Illusionen. Damit wir langfristig die notwendige Macht und das entsprechende Bewusstsein aufbauen, um in die Geschichte eingreifen zu können, statt sie nur erdulden zu müssen.
Felix Ahls ist aktiv in der Partei Die Linke und dem Verein demokratischer Ärzt*innen.
1 „Karl Marx“(1903) in Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 1, 2. Halbband, Seite 369-377. Hervorhebungen durch Luxemburg. Deutsch: https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-1-2/seite/369, Englisch: https://www.marxists.org/archive/luxemburg/1903/03/14-abs.htm
2 „Karl Marx“ (1913) in Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 3, Seite 178-184. Deutsch: https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-3/seite/178 ,
3 „Karl Marx“(1903) in Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 1, 2. Halbband, Seite 373f. Hervorhebungen durch Luxemburg. Deutsch: https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-1-2/seite/373 , Englisch: https://www.marxists.org/archive/luxemburg/1903/03/14-abs.htm
4 „Karl Marx“(1903) in Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 1, 2. Halbband, Seite 370f. Hervorhebungen durch Luxemburg. Deutsch: https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-1-2/seite/370 , Englisch: https://www.marxists.org/archive/luxemburg/1903/03/14-abs.htm
5 „Die Krise der Sozialdemokratie“ (1916) in Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 4, Seite 53. Deutsch: https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-4/seite/53, Englisch:
https://www.marxists.org/archive/luxemburg/1915/junius/ch01.htm
6 „Die Krise der Sozialdemokratie“ (1916) in Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band 4, Seite 163. Deutsch: https://rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-4/seite/163, Englisch:
https://www.marxists.org/archive/luxemburg/1915/junius/ch01.htm