Warum Arbeiter*innen die AfD wählen – und was Die Linke daraus lernen kann
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Nähe. Vertrauen. Hoffnung. Warum ist die AfD unter Arbeiter*innen, bei Menschen mit mittleren Bildungsabschlüssen und Männern im mittleren Lebensalter besonders erfolgreich? Einfache Erklärungen helfen nicht weiter. Weder Armut noch Erwerbslosigkeit allein erklären ihren Aufstieg. Entscheidend ist das Zusammenspiel von sozialer Lage, gesellschaftlicher Anerkennung und der Erfahrung, über die Bedingungen des eigenen Lebens immer weniger bestimmen zu können.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026 hat diese Frage noch dringlicher gemacht. Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis erhielt die AfD 576.037 Zweitstimmen, 43,8 Prozent. Sie hat damit ihren Stimmenanteil gegenüber 2021 mehr als verdoppelt und ist mit großem Abstand stärkste Partei geworden. Das ist kein Randphänomen mehr, sondern ein gesellschaftliches Massenphänomen.
Die Wahltagsanalysen von infratest dimap zeigen zugleich, dass sich dieser Erfolg nicht schlicht mit dem Satz erklären lässt, die AfD werde von den Ärmsten gewählt. Sie ist besonders stark bei Arbeiter*innen und bei Menschen, die ihre wirtschaftliche Lage und die Entwicklung des Landes negativ beurteilen. Aber viele ihrer Wähler:innen haben Arbeit, eine Berufsausbildung und ein materiell einigermaßen gesichertes Leben. Entscheidend ist nicht nur, was jemand besitzt oder verdient, sondern auch, wie sicher die eigene gesellschaftliche Position erscheint und welche Zukunft erwartet wird.
Klasse, Anerkennung und Kontrolle
Eine Klassenanalyse darf deshalb nicht beim Einkommen stehen bleiben. Klasse bezeichnet auch die Stellung eines Menschen in den gesellschaftlichen Produktions- und Machtverhältnissen: Wer entscheidet über meine Arbeit? Wem gehört der Betrieb, die Wohnung, die Infrastruktur? Wer verfügt über Investitionen und Arbeitsplätze – und wer trägt die Folgen dieser Entscheidungen? Ein Beschäftigter kann ein ordentliches Einkommen haben und dennoch erfahren, dass über Arbeitszeit, Digitalisierung, Standortverlagerung oder Arbeitsplatzabbau andere entscheiden. Eine Mieterin kann berufstätig sein und trotzdem erleben, dass steigende Mieten einen immer größeren Teil ihres Einkommens auffressen, ohne dass sie darauf Einfluss hat. Soziale Unsicherheit beginnt nicht erst bei Armut. Sie kann dort beginnen, wo Menschen spüren, dass ihr eigener Handlungsspielraum kleiner wird.
Anna Klein und Wilhelm Heitmeyer unterscheiden in ihrer Ost-West-Integrationsbilanz zwischen der Einbindung in Arbeitsmarkt und Bildung einerseits und sozialer Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe andererseits. Ein Mensch kann ökonomisch abgesichert sein und sich dennoch gesellschaftlich bedeutungslos fühlen: Die eigene Lebensleistung wird nicht anerkannt, die Arbeit zählt weniger als früher, Entscheidungen werden anderswo getroffen.
Für Ostdeutschland ist das besonders wichtig. Die Transformation nach 1990 brachte nicht nur Arbeitslosigkeit und Betriebsschließungen mit sich. Berufliche Biografien wurden entwertet, Institutionen verschwanden, Hierarchien wurden neu geordnet und Entscheidungen vielfach als fremdbestimmt erlebt. Diese Erfahrungen wirken durch Familiengeschichten, Abwanderung und regionale Schrumpfung fort.
Klaus Dörre beschreibt das Verhältnis von Arbeiter:innen zur radikalen Rechten mit dem Bild der Warteschlange. Menschen haben gelernt, gearbeitet, Steuern und Sozialbeiträge gezahlt und Regeln eingehalten. Dafür erwarten sie Sicherheit, Anerkennung und sozialen Fortschritt. Doch irgendwann entsteht das Gefühl: Die Schlange, in der ich stehe, bewegt sich nicht mehr.
Wie rechte Angebote besonders wirksam werden
Hier entscheidet sich, wie ein sozialer Konflikt gedeutet wird. „Mein Lohn steigt zu wenig, weil die Kapitalseite stärker ist als wir Beschäftigten“, ist eine Klasseninterpretation. Die Vorstellung „Ich bekomme zu wenig, weil andere meinen Anteil bekommen und bevorzugt werden“, verschiebt den Konflikt dagegen auf Geflüchtete, Migrant*innen oder Bürgergeldempfänger*innen. Die AfD übersetzt soziale Konflikte in genau diese Richtung: Ihr habt euren gerechten Platz verloren, weil andere ihn euch weggenommen haben.
Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey ergänzen diese Perspektive um den Widerspruch zwischen dem Versprechen individueller Freiheit und realer Machtlosigkeit. Die Gesellschaft verlangt Flexibilität, Mobilität und Selbstverantwortung, während Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel, Pandemie, Inflation, Migration und industrielle Transformation als kaum kontrollierbar erlebt werden. In „Gekränkte Freiheit“ beschreiben sie diesen Widerspruch als eine Quelle von Ressentiment und Demokratiefeindlichkeit. In „Zerstörungslust“ analysieren sie die weitere Radikalisierung: Aus Kränkung kann der Wunsch entstehen, nicht nur eine andere Politik zu wählen, sondern die bestehende demokratische Ordnung selbst zu beschädigen.
Dörre fragt damit: Wo stehe ich in der sozialen Ordnung? Heitmeyer: Werde ich anerkannt und gehöre ich dazu? Amlinger und Nachtwey: Erlebe ich mich noch als handlungsfähig? Wenn die Antworten lauten „hinten – wenig anerkannt – ohne Einfluss“, werden rechte Angebote besonders wirksam.
Dobrindt 2018: Die kulturelle Umdeutung sozialer Konflikte
An dieser Stelle bekommt eine Äußerung Alexander Dobrindts aus dem Jahr 2018 neue Bedeutung. Dobrindt schrieb damals in der WELT, auf die „linke Revolution der Eliten“ müsse eine „konservative Revolution der Bürger“ folgen. Seine Grundfigur war: Deutschland sei eigentlich ein bürgerliches Land, werde kulturell aber von einer linken Minderheit geprägt, die durch den „Marsch durch die Institutionen“ Einfluss auf Medien, Kultur und Politik gewonnen habe.
Dobrindt und die AfD sind nicht gleichzusetzen. Die Union bewegt sich innerhalb der parlamentarisch-demokratischen Ordnung. Aber die Struktur dieser Erzählung ist für den Aufstieg der radikalen Rechten wichtig: Gesellschaftliche Unsicherheit wird nicht zuerst als Folge von Eigentums-, Macht- und Verteilungsverhältnissen beschrieben, sondern als Kulturkampf – hier die normale bürgerliche Mehrheit, dort eine angeblich linke kulturelle Elite.
Damit kann aus einem Konflikt zwischen oben und unten ein Konflikt zwischen innen und außen werden. Aus der Verteilungsfrage wird die Migrationsfrage. Aus dem Machtverhältnis zwischen Kapital und Arbeit wird der Gegensatz zwischen „normalen Bürgern“ und vermeintlich privilegierten Minderheiten. Aus dem Rückzug öffentlicher Infrastruktur wird die Behauptung, für „die anderen“ sei immer Geld vorhanden. Und aus dem Gefühl politischer Ohnmacht wird der Wunsch nach einer starken politischen Kraft, die endlich „aufräumt“.
Dobrindts Formel der „konservativen Revolution“ liefert insofern ein Bindeglied zwischen konservativer Kulturkampfrhetorik und der radikaleren Deutung der AfD. Die Union übernimmt nicht notwendigerweise die Ziele der AfD. Aber wenn soziale Konflikte zunehmend mit Begriffen wie Migration, kulturelle Elite, Identität und nationale Zugehörigkeit gedeutet werden, verschiebt sich das politische Koordinatensystem. Dann kann die AfD als jene Partei erscheinen, die diese Deutung konsequenter und radikaler vertritt.
Das ist auch die strategische Gefahr einer bloßen Übernahme rechter Themen. Wenn die Grundannahme akzeptiert wird, Migration, „linke Eliten“ oder kulturelle Liberalisierung seien die wesentlichen Ursachen gesellschaftlicher Unsicherheit, stellt sich für Wähler:innen die Frage: Wer vertritt diese Interpretation am glaubwürdigsten? Am Ende kann gerade die AfD profitieren.
Sachsen-Anhalt 2026: Aus Protest ist politische Macht geworden
Das Ergebnis vom 6. September 2026 verschärft unsere bisherige Analyse. Die AfD ist damit nicht mehr als Protest einer kleinen gesellschaftlichen Randgruppe zu begreifen, sondern als gesellschaftliche Massenpartei in Sachsen‑Anhalt. Gerade deshalb wäre es falsch, das Ergebnis auf die Formel „Die Armen wählen AfD“ zu reduzieren. Sachsen-Anhalt weist zwar im Bundesvergleich niedrige Löhne, geringe verfügbare Einkommen und eine überdurchschnittliche Erwerbslosigkeit auf. Aber die AfD mobilisiert darüber hinaus Menschen mit Arbeit, Facharbeiter*innen, Selbstständige und Teile der Mittelschichten. Gemeinsam ist vielen weniger absolute Armut als die Erfahrung von Unsicherheit, Statusverlust, mangelnder Anerkennung und politischer Wirkungslosigkeit.
Die soziale Lage bleibt dennoch zentral. Wer mit niedrigem Einkommen lebt, von steigenden Preisen besonders betroffen ist, schlechte öffentliche Dienstleistungen erlebt oder Angst um Arbeitsplatz, Rente und medizinische Versorgung hat, ist objektiv stärker belastet. In Sachsen-Anhalt verdichten sich solche Belastungen mit der historischen Erfahrung der Transformation nach 1990: Betriebsschließungen, Abwanderung, demografischer Wandel und der Verlust gesellschaftlicher Institutionen.
Heitmeyers Frage lautet: Gehöre ich noch dazu und werde ich anerkannt? Dörres Frage: Warum stehe ich noch immer in der Warteschlange? Amlinger und Nachtwey fragen: Warum habe ich das Gefühl, über mein eigenes Leben und die gesellschaftliche Entwicklung immer weniger bestimmen zu können – und wann schlägt diese Kränkung in den Wunsch um, das bestehende System zu beschädigen? Die AfD beantwortet alle drei Fragen mit einer gemeinsamen Erzählung: Ihr seid nicht machtlos, weil gesellschaftlicher Reichtum und Entscheidungsmacht ungleich verteilt sind. Ihr seid machtlos, weil falsche Eliten regieren, Migration zugelassen wird und andere Gruppen angeblich bevorzugt werden. Wir stellen die Ordnung wieder her.
Darin liegt die Verbindung zu Dobrindts „konservativer Revolution“. Was 2018 noch als konservative Mobilisierung gegen eine angebliche linke Meinungsvorherrschaft formuliert wurde, erscheint bei der AfD radikalisiert. Nicht nur eine Regierung oder einzelne Politikfelder sollen verändert werden; das bestehende politische und kulturelle Koordinatensystem selbst wird zum Gegenstand der Auseinandersetzung.
Sachsen-Anhalt und Hamburg: unterschiedliche Länder, ähnliche soziale Räume
In Sachsen-Anhalt kann sich nicht nur der Einzelne, sondern eine ganze Region in der Warteschlange erleben. Nach 1990 verlor das Land einen erheblichen Teil seiner Bevölkerung. Junge Menschen wanderten ab, Betriebe verschwanden, Infrastruktur wurde zurückgebaut. Der 50-jährige Facharbeiter muss nicht arm sein. Vielleicht hat er Arbeit und bezahlt ein Eigenheim ab. Aber seine Kinder sind weggezogen, der frühere Betrieb existiert nicht mehr, der Bus fährt selten und die Arztpraxis im Ort hat geschlossen. Das erklärt jedoch nicht, dass diese Mechanismen grundsätzlich „ostdeutsch“ wären. Gerade der Blick auf Hamburg zeigt das Gegenteil. Dort, wo die soziale Struktur derjenigen in strukturschwächeren Regionen Sachsen-Anhalts ähnelt, nähert sich auch das Wahlverhalten an.
Bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 2025 erreichte die AfD in Neuallermöhe 22,4 Prozent der Wahlkreisstimmen, in Billstedt 14,2 Prozent. Auch Lohbrügge, Jenfeld, Hausbruch oder Neugraben-Fischbek weisen überdurchschnittliche AfD-Ergebnisse auf. Es handelt sich vielfach um Stadtteile mit niedrigeren Einkommen, höheren sozialen Belastungen und geringerer Wahlbeteiligung. Hamburg als Ganzes ist erheblich wohlhabender als Sachsen-Anhalt. Vergleicht man aber nicht Bundesland mit Bundesland, sondern soziale Räume miteinander, wird die Differenz kleiner. Wo Menschen unter ähnlichen Bedingungen leben – niedrigere Einkommen, unsichere Arbeit, belastete Quartiere, mangelhafte Infrastruktur und das Gefühl geringer politischer Wirksamkeit –, ist auch die AfD deutlich stärker. Billstedt und Lohbrügge widersprechen dem Vergleich mit Sachsen-Anhalt nicht; sie bestätigen ihn.
Sachsen-Anhalt weist allerdings eine besondere historische Verdichtung solcher Erfahrungen auf: den Zusammenbruch der DDR, die Transformation nach 1990, Betriebsschließungen, Abwanderung und den Verlust gesellschaftlicher Institutionen. Diese Erfahrungen können auch an Generationen weitergegeben werden, die die Treuhandzeit selbst nicht als Beschäftigte erlebt haben.
Auch Hamburg kennt massive soziale Konflikte: hohe Wohnkosten, überlastete Schulen und Kitas, mangelhafte öffentliche Dienstleistungen, Schimmel in Wohnungen, nicht funktionierende Aufzüge oder Müll im Wohnumfeld. Solche Alltagserfahrungen können das Gefühl erzeugen: Ich melde Probleme, aber niemand reagiert. Ich zahle, arbeite und halte mich an Regeln – und trotzdem habe ich keinen Einfluss.
Die AfD bietet eine falsche Antwort auf reale Konflikte
Das Verhalten der AfD in den Parlamenten und viele ihrer wirtschafts- und sozialpolitischen Vorschläge widersprechen den materiellen Interessen eines erheblichen Teils ihrer eigenen Wählerschaft. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Tübingen ordnet ihre Wirtschafts- und Sozialpolitik weiterhin klar am marktliberalen, unternehmensfreundlichen und fiskalkonservativen Pol ein. Das ist bemerkenswert, weil die Partei zugleich besonders stark unter Arbeiter:innen ist. In der Wohnungspolitik erklärt die AfD Wohnungsnot vor allem mit Migration und lehnt viele starke staatliche Eingriffe in Markt und Eigentum ab. Damit wird ein Verteilungskonflikt um Boden, Wohnungen, Investitionen und Marktmacht ethnisiert.
Genau darin liegt die politische Leistung der radikalen Rechten: Reale Erfahrungen von Unsicherheit, Konkurrenz und Machtlosigkeit werden aufgenommen, aber ihre Ursachen werden verschoben. Nicht Eigentums- und Machtverhältnisse, Löhne, Mieten oder der Rückzug öffentlicher Infrastruktur erscheinen als Problem, sondern andere gesellschaftliche Gruppen. Die AfD verspricht Kontrolle durch Abgrenzung: Grenzen schließen, andere ausschließen, eine vermeintlich übersichtliche Vergangenheit wiederherstellen und Autorität stärken. Die Linke muss eine andere Vorstellung von Kontrolle dagegenstellen: demokratische Kontrolle. Menschen müssen die Erfahrung machen können, dass sie über die Bedingungen ihres Lebens gemeinsam entscheiden und sie verändern können.
Was daraus für Die Linke folgt
Unterschiedliche Regionen brauchen unterschiedliche konkrete Antworten. In Hamburg stehen bezahlbares Wohnen, Mieten und soziale Infrastruktur besonders im Vordergrund. In Sachsen-Anhalt sind regionale Entwicklung, industrielle Transformation, Löhne, medizinische Versorgung, Mobilität, öffentliche Infrastruktur und die Erfahrung jahrzehntelanger Abwanderung besonders wichtig. Der gemeinsame Kern aber ist derselbe: Menschen müssen über die Bedingungen ihres Lebens entscheiden und sie gestalten können.
Die rechte Erzählung lautet: Früher hattest du einen Platz. Andere haben ihn dir genommen. Wir holen ihn dir zurück. Die linke Antwort muss lauten: Wir alle haben Anspruch auf einen sicheren Platz in der Gesellschaft – aber nicht auf Kosten der Menschen, die noch weniger besitzen. Wir können die Verhältnisse verändern, die uns gegeneinander in Konkurrenz setzen. Diese Erzählung braucht materielle, erfahrbare Glaubwürdigkeit. Sie bleibt unglaubwürdig, wenn Menschen keine Wohnung finden oder unter schlechten Wohnbedingungen leiden, wenn Buslinien verschwinden, Krankenhäuser schließen oder Beschäftigte jeden Tag um ihre Existenz fürchten.
Die Linke muss beweisen und leben, dass Zukunft wieder ein Versprechen sein kann: eine Gesellschaft, in der Klimaschutz nicht von Mietenden und Beschäftigten bezahlt wird; ein Gemeinwesen, in dem Wohnungen bezahlbar sind und bleiben; Krankenhäuser und Pflege nicht nach Rendite funktionieren; Beschäftigte über Veränderungen im Betrieb mitentscheiden; Herkunft nicht über Zugehörigkeit entscheidet und gemeinsame demokratische Entscheidungen spürbare Veränderungen bewirken.
Die AfD gewinnt nicht einfach „die Armen“. Sie gewinnt in besonderem Maße dort, wo soziale Unsicherheit, enttäuschte Anerkennung und die Erfahrung politischer Machtlosigkeit zusammentreffen – und wo es ihr gelingt, diesen Erfahrungen eine nationalistische und autoritäre Deutung zu geben. Eine linke Politik wird die AfD weder durch moralische Belehrungen noch durch die Übernahme ihrer Themen zurückdrängen. Sie muss reale Konflikte sichtbar machen, gesellschaftliche Macht erklären und gemeinsam mit den Betroffenen konkrete Veränderungen organisieren.
Haustürgespräche sind in diesem Zusammenhang weit mehr als eine Wahlkampfstrategie. Klaus Dörre beschreibt die Aufgabe als Wiederherstellung der Kommunikation zwischen politischer Organisation und Zivilgesellschaft. Wenn auf die Frage „Wo drückt der Schuh?“ gemeinsam Lösungen gefunden werden – auch bei Problemen wie Müll, Schimmel oder Lärm –, kann eine entscheidende Erfahrung entstehen: Wir können gemeinsam etwas verändern.
Ein erster Schritt aktueller linker Politik lässt sich deshalb so zusammenfassen: Wir organisieren nicht die Angst vor Verlust. Wir zeigen, welche gesellschaftlichen Verhältnisse Unsicherheit und Konkurrenz hervorbringen, und organisieren gemeinsam mit den Betroffenen Verbesserungen im Alltag. So wird gemeinsame Macht wieder erlebbar und Zukunft wieder gestaltbar. Nähe. Vertrauen. Hoffnung.
Wir machen’s gerecht. Zusammen.
Quellen und weiterführende Literatur
• Landeswahlleitung Sachsen-Anhalt: Vorläufiges Ergebnis der Landtagswahl vom 6. September 2026, Landesebene (576.037 AfD-Zweitstimmen; 43,8 Prozent; Wahlbeteiligung 77,8 Prozent).
• infratest dimap / ARD: Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026 – Wahlverhalten, Wählerwanderung und Befragungen zu Wahlmotiven, veröffentlicht am 6./7. September 2026.
• ARD-aktuell/tagesschau.de: „Warum konnte die AfD in Sachsen-Anhalt so stark zulegen?“, 6. September 2026; „Wer wählte wen in Sachsen-Anhalt?“, 6. September 2026.
• ARD-aktuell/tagesschau.de: „Ist Sachsen-Anhalt wirtschaftlich abgehängt?“, 5. September 2026.
• Klein, Anna / Heitmeyer, Wilhelm: Ost-westdeutsche Integrationsbilanz, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 28/2009.
• Heitmeyer, Wilhelm: Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I, Suhrkamp, Berlin 2018.
• Dörre, Klaus: In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte, 2., korrigierte Auflage, Westfälisches Dampfboot, Münster 2023.
• Dörre, Klaus: Beitrag in Sozialismus, Heft 5/2025.
• Amlinger, Carolin / Nachtwey, Oliver: Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus, Suhrkamp, Berlin 2022.
• Amlinger, Carolin / Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Suhrkamp, Berlin 2025.
• Dobrindt, Alexander: „Warum wir nach den 68ern eine bürgerlich-konservative Wende brauchen“, WELT, 4. Januar 2018.
• Universität Tübingen / Panorama: Analyse der Wirtschafts- und Sozialpolitik der AfD; Zusammenfassung bei tagesschau.de, „AfD punktet bei Arbeitern – trotz marktliberaler Politik“, 13. August 2026.
• DIW Berlin: „Sachsen-Anhalt zeigt das AfD-Paradox: Strukturschwache AfD-Hochburgen würden unter ihrer Politik am stärksten leiden“, DIW aktuell 121, 24. Juli 2026.
• Bundesagentur für Arbeit: Entgeltstatistik 2024; Medianentgelte sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigter nach Ländern.
• Statistikamt Nord: Bürgerschaftswahl Hamburg 2025; Wahlergebnisse nach Stadtteilen bzw. Wahlbezirken sowie Hamburger Stadtteil-Profile.