Das System entlastet sich auf Kosten der Kranken

Krank sein bedeutet heute: Ein System zu nutzen, in dem nicht der Mensch im Mittelpunkt steht, sondern die Abrechnung bei der Krankenkasse. Die geplante Gesundheitsreform wird die Zwei-Klassen-Medizin weiter zementieren. 

Und täglich grüßt das marode Gesundheitssystem: Letztens war ich mit meiner Freundin Karla unfreiwillig beim Ärzte‑Hopping. Ein Hexenschuss hatte sie erwischt. Also: Hausarztmodell eingehalten, Überweisung geholt und ab in die nächstgrößere Stadt. Erster Orthopäde: keine Aufnahme – Arzt nicht da. Zweiter: noch in Weiterbildung. Dritter: Akutsprechstunde längst vorbei. Wir waren um halb elf statt um halb acht da – Pech gehabt. Nummer vier: „Wir nehmen keine Neupatienten.“ Nummer fünf: „Hexenschüsse behandeln wir nicht mehr.“ Am Ende wurden wir an Unfall‑ und Akutpraxen am Stadtrand verwiesen. Also weiter – unfreiwilliges Sightseeing inklusive. Dort dann die nächste Überdosis Realität: Termin im Juli. „Aber die Schmerzen sind akut“, sagten wir. Schulterzucken. Wir gingen. Ohne Hilfe. Ohne Perspektive. Ein Hexenschuss, so lernt man, wird in diesem System schlicht ausgesessen: Bewegung, Schmerzmittel, warten.

Die Zwei-Klassen-Medizin wird nicht bekämpft, sondern weiter verschärft

Und genau darin zeigt sich das eigentliche Problem. Diese Erfahrung ist kein Einzelfall, sondern längst Alltag – für Menschen mit akuten Beschwerden genauso wie für chronisch Kranke. Krank sein bedeutet heute oft: Belastung für ein System, das auf Effizienz getrimmt ist. Viele Ärzt*innen nehmen komplexe Fälle ungern auf oder reduzieren den Kontakt auf ein Minimum – nicht aus mangelndem Willen, sondern weil Zeit und Vergütung es so vorgeben. Das spüren die Betroffenen. Und es führt dazu, dass viele sich zweimal überlegen, ob sie überhaupt noch zum Arzt gehen.

Währenddessen steht die nächste Gesundheitsreform in den Startlöchern. Zuzahlungen steigen, Belastungen werden erhöht. Für Menschen mit geringen Einkommen bedeutet das konkret: Sie verzichten im Zweifel auf notwendige Behandlungen. Gleichzeitig soll an anderer Stelle gespart werden – etwa bei den Akut‑ und offenen Sprechstunden. Werden diese gar nicht mehr vergütet, hat das absehbare Folgen: weniger Angebote für gesetzlich Versicherte, stattdessen mehr lukrative Privatpatient*innen. Die Zwei-Klassen-Medizin wird nicht bekämpft – sie wird politisch weiter verschärft.

Überfüllte Notaufnahmen, steigender Frust, explodierende Kosten

Eine gesetzliche Termingarantie? Überfällig. Denn schon heute gilt: Wer keinen direkten Draht hat oder nicht zufällig im richtigen Netzwerk unterwegs ist, hat schlechte Karten. Facharzttermine werden zur Frage von Glück, Beziehungen oder Durchhaltevermögen. Die Konsequenz ist längst sichtbar: überfüllte Notaufnahmen, steigender Frust, explodierende Kosten an anderer Stelle. Wer im System keinen Zugang findet, landet zwangsläufig im Krankenhaus. Und dort interessiert oft niemanden mehr, welchen Hindernislauf die Menschen bereits hinter sich haben. Ich habe keinen Überblick über die Finanzen der zahlreichen Krankenkassen – und bin gezwungen, den Zahlen zu vertrauen, die man uns präsentiert. Ich soll glauben, dass dieses System finanziell am Abgrund steht. Was ich jedoch selbst erlebe, ist etwas anderes: Nicht nur die Finanzen wirken marode, sondern längst auch die Versorgung.

Das auf Effizienz getrimmte System lässt Ärzt*innen keinen Spielraum

Die Ärzt*innen bemühen sich – aber sie arbeiten in einem System, das ihnen kaum noch Spielraum lässt. Zeit wird zur Mangelware, Zuwendung zum Luxus. Der ganzheitliche Blick auf den Menschen, vor wenigen Jahrzehnten noch selbstverständlich, ist systematisch verdrängt worden. Spätestens mit der Einführung der Fallpauschalen in den Krankenhäusern hat sich das Prinzip verschoben: Nicht mehr der Mensch steht im Mittelpunkt, sondern die Abrechnung.

Heute gilt allzu oft: eine Verdachtsdiagnose, eine Untersuchung – und weiter zum nächsten Fall. Ob Beschwerden zusammenhängen, ob sich ein größeres Bild ergibt, interessiert im getakteten Klinikalltag immer weniger. Komplexität passt nicht ins System. Eine Verlegung in eine andere Fachabteilung, um Ursachen wirklich zu klären, ist vielerorts nicht mehr vorgesehen, weil sie sich nicht rechnet. Prävention? Fällt hinten runter. Stattdessen werden Patient:innen entlassen – mit dem Verweis, die eigentliche Klärung selbst zu organisieren: Termine suchen, Wartezeiten aushalten, Zuständigkeiten klären. Verantwortung wird verschoben, nicht übernommen. Das System entlastet sich auf Kosten der Kranken. Und so dreht sich die Spirale weiter: unklare Diagnosen, neue Termine, neue Wege, neue Hürden. Ein Kreislauf, der Ressourcen frisst und Menschen zermürbt.

Und täglich grüßt das Murmeltier ...