"Wir brauchen einen langen Atem"

Nach den jüngsten Landtagswahlen im Südwesten ist klar, dass der Erfolg der Linken kein Selbstläufer ist. Doch was müssen wir tun, damit die Partei in diesem Super-Wahljahr noch mehr Wähler*innen erreicht? Wie die richtige Strategie aussieht und warum wir dafür einen langen Atem brauchen, erklären Ines und Jan im Interview für „Links bewegt“.

Liebe Ines, lieber Jan, wie geht es euch nach den ganzen Wahlkämpfen? Ihr seid ja beide echt viel unterwegs gewesen.

Ines: Also ich bin sehr viel Zug gefahren, aber ich habe viele tolle Eindrücke und die positive Stimmung wieder mit nach Berlin genommen! Ich weiß auch nicht, wann ich das letzte Mal so viel von Süddeutschland gesehen habe. Ob Worms, Augsburg oder Stuttgart, überall war die Stimmung toll! Ich war richtig begeistert von unseren Kandidierenden überall, die richtig tolle Auftritte hatten und sich im Wahlkampf als Team weiterentwickelt haben.

Jan: Genau so ging es mir auch. Ich musste zwar zu oft mitten in der Nacht auf dem Bahnhof Mannheim auf verspätete Züge warten - aber überall haben mich unsere vielen tollen Kandidat*innen richtig beeindruckt. Von der Ost-Alb bis nach Ludwigshafen – das hat Spaß gemacht und war mega-anstrengend.

Das klingt ja alles sehr nett! Aber letztendlich hat es nicht zum Einzug in die Landtage in Stuttgart und Mainz gereicht. Seid ihr enttäuscht?

Ines:  Zunächst muss man bei aller Enttäuschung festhalten: So gut waren wir noch nie bei einer Landtags- oder Kommunalwahl. Auf die Aktiven vor Ort ist echt Verlass. Wir konnten uns im Zuge der Wahlkämpfe an vielen Orten verankern, das zeigen uns die Ergebnisse der Kommunalwahlen in Hessen und Bayern. Wir können auf diesen Ergebnissen aufbauen und weiter wachsen. Unsere Strategie zahlt sich aus, aber wir brauchen einen langen Atem, und man muss sie an einigen Stellen auch stärker an die regionalen Gegebenheiten und aktuellen Krisen anpassen.

Jan: Ich muss ganz ehrlich sagen: Mich hat das schon sehr gewurmt. Wir waren so kurz davor. Man sieht an den Umfragen, dass sich richtig viele Menschen Die Linke als soziale Opposition in den Landtagen gewünscht hätten. Dann ist es natürlich enttäuschend, wenn man letztendlich zerrieben wird im Spitzenduell um den Posten als Ministerpräsident. Gerade in Baden-Württemberg war es in den Tagen vor der Wahl total deutlich, dass auch die, die eigentlich die Nase voll haben von den Grünen, sich Cem Özdemir zuwenden, um Manuel Hagel (der mit den „rehbraunen Augen“ - so ein Widerling) von der CDU als „schlimmeres Übel“ zu verhindern. Uns wählen zurzeit vor allem junge Menschen.

Das ist doch eigentliche eine gute Nachricht ...

Aber richtig viele junge Menschen wählen taktisch und sind nicht so sehr an eine Partei gebunden, wie es vielleicht ihre Eltern und Großeltern noch waren. Das bedeutet für uns, dass wir auch andere Bevölkerungsgruppen besser ansprechen müssen. Bei älteren Generationen und Menschen auf dem Land haben wir beispielsweise nur sehr geringe Zustimmungswerte. Wir brauchen gute Strategien, um diese Menschen zu erreichen.

Aber wie können wir die erreichen, ohne unsere junge Wähler*innenschaft zu verlieren?

Jan: Ich glaube, dass sich das gar nicht ausschließen muss. Ob Studi-WG, Familie oder Rentnerin: Die Menschen beschäftigen ja die gleichen Themen. Explodierende Mieten, Preissteigerungen und Wirtschaftskrise. Unsere Stärke ist, dass wir uns um die Probleme der Menschen kümmern und sie in ihrem Alltag auch über Wahlen hinaus ansprechen und auch Siege zu organisieren. Das unterscheidet uns von allen anderen Parteien und das bemerken die Leute auch. Wenn die Rentnerin mit ihrem Bescheid in die Sozialsprechstunde kommt und mit unserer Hilfe dem Sozialamt nicht mehr machtlos gegenübersteht, dann zeigt auch das: Sich wehren lohnt sich. Und Die Linke ist die einzige Partei, die sie dabei unterstützt. Und gleichzeitig zeigen wir damit auch denen, die uns bereits gewählt haben, dass ihre Stimme nicht verschenkt war, sondern dass wir dabei bleiben, auch ohne Mandate im Landtag.

Ines: In meinem Wahlkreis Lichtenberg machen wir zum Beispiel gerade sehr gute Erfahrungen mit Mieter*innenversammlungen. Da will Vonovia die Leute abzocken, dabei ging im Winter nicht mal die Heizung richtig! Bei unserer Mieter*innenversammlung haben sich die Nachbarinnen und Nachbarn zusammengeschlossen und gemeinsam Rückzahlungen erkämpft. Gleichzeitig müssen wir aber auch bei den anderen Themen, die Jan eben erwähnt hat, eine klare Haltung zeigen und Antworten liefern.

Welche Themen wären das?

In Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg hat in den Industrieregionen massiv die AfD hinzugewonnen. Wenn wir die blaue Welle brechen wollen, müssen wir in diese Themen reingehen und mit den Menschen reden, die in Regionen leben, in denen massenhaft die Betriebe schließen. Wir hören, dass soziale Sicherheit den Menschen sehr wichtig ist, und da müssen wir als sozialistische Partei natürlich Antworten liefern.

Denkt ihr, dass wir AfD-Wähler*innen noch erreichen können?

Jan: Es geht weniger darum, AfD-Wähler*innen zurückzuholen – und schon gar nicht, indem man rechte Parolen übernimmt – sondern es geht darum, den Wütenden und Frustrierten eine Alternative zu bieten. Ich schaue dabei vor allem auf die Landtagswahlen im Osten, die jetzt anstehen: Die AfD droht sich in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zu verdoppeln – viele Menschen überlegen gerade, zum ersten Mal AfD zu wählen. Diese Menschen wollen wir erreichen. Wenn wir dort kleine Siege erringen, wo sonst Frust und Ohnmacht regieren, können wir langfristig eine Alternative zur AfD bieten. Unser Ziel ist es, dass die Linke eine organisierende Klassenpartei ist. Als solche müssen wir die ganze Breite der Klasse ansprechen und gerade für die Angebote machen, die sonst womöglich gar nicht mehr wählen oder überlegen, AfD zu wählen.

Im Bundestagswahlkampf waren wir auch erfolgreich, weil wir einen klaren Fokus auf das Thema Miete gesetzt haben. Wollt ihr diesen Fokus also wieder aufgeben?

Ines: Auf gar keinen Fall! Viele unserer Kernthemen sind bei den Menschen sehr beliebt, sei es die Vermögenssteuer oder der Mietendeckel. Hier werden uns auch in den Umfragen höhere Kompetenzen zugeschrieben. Ähnlich müssen wir bei Wirtschaftsthemen vorgehen: Mit klugen, anschlussfähigen Konzepten, die den Menschen eine Perspektive geben. Und die wirklich zeigen: Wir sind für dich da, wir hören dir zu. In den kommenden Jahren werden in Deutschland massenhaft Arbeitsplätze abgebaut. Darauf müssen wir als Partei für die arbeitenden Menschen eine Antwort haben.

Jan: Da stimme ich Ines zu. Und zum Fokus: Wir dürfen uns nicht verzetteln. Insbesondere, wenn wir nicht in den Landtagen vertreten sind und dementsprechend wenig öffentliche Aufmerksamkeit haben, können wir uns nur profilieren, wenn wir uns fokussieren. Das wird jetzt wichtiger denn je. Vertrauensaufbau braucht Zeit. Da haben wir als Partei noch einen langen Weg vor uns. 

Wie stellt ihr euch die Entwicklung der Partei vor?

Ines: Ich erzähle dazu ja gerne die Fabel von den drei kleinen Schweinen. In der Geschichte ziehen drei kleine Schweinchen aus und bauen sich jeweils ein Haus, um sich vor dem bösen Wolf zu schützen. Sie bauen ein Haus aus Stroh, eins aus Holz und ein Haus aus Stein. Während das Strohhaus beim ersten Pusten in sich zusammenfällt, kann das Holzhaus zumindest eine Weile standhalten. Ich würde sagen, dass wir gerade ein Holzhaus haben, mit einem guten Fundament von 123.000 Mitgliedern und hunderten aktiven Kreisverbänden. Ein Steinhaus zu bauen, das braucht Zeit. In der Fabel ist das Steinhaus so stabil gebaut, dass es nicht nur vor dem bösen Wolf schützt, sondern es den Schweinchen auch noch erlaubt, mit Geschick den Wolf zu besiegen. Übersetzt auf Die Linke bedeutet das, dass wir nicht nur in den Milieus der Großstädte verankert sind, sondern auch auf dem Land und unter arbeitenden und erwerbslosen Menschen gleichermaßen, weil wir sagen, dass wie niemanden allein lassen. So haben wir ein Fundament, das nicht so sehr von Stimmungen oder Zweikämpfen bei Wahlen abhängt, sondern stabil ist. Und gleichzeitig haben wir eine breite Basis an gut ausgebildeten Mitgliedern, die zur Stelle sind, auch wenn es mal stürmisch wird. Wenn ich da an meine Besuche bei den vielen tollen Kreisverbänden denke, bin ich auch sehr zuversichtlich.