Traum von einem Traum

Es ist eine kryptische Zeichnung, die das Mädchen Alpha mit dickem Filzstift auf den Arm ihres Onkels Amin malt. Als die Kamera eine entferntere Position einnimmt, wird klar, was zu sehen ist. Die fünfjährige Alpha verbindet die schrundigen Einstichlöcher schmutziger Heroinspritzen mit breiten Linien.
Zwei Stunden lang wird Amin durch Julia Ducournaus neuen Film immer wieder mal stolpern, husten, sterben. Denn in Ducournaus Filmen geht es rau zu, gern reiht die Regisseurin Elemente des Body Horror aneinander, um ihre expressionistischen Geschichten zu erzählen. Wie bereits in ihrem 2021 mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten „Titane“ steht jedoch nicht der Drogensüchtige, sondern die Entwicklungsgeschichte einer jungen weiblichen Person im Mittelpunkt, die Teile assoziativ verknüpft - ab der frühen Kindheit bis zur Jugend.

Die Angst vor der unheilbaren Krankheit

Es sind die 1980er Jahre inmitten der großen Angst, sich mit einer unheilbaren Krankheit zu infizieren – Aids ist hier die Vorlage. Das Mädchen Alpha, nun 13 Jahre alt, wird schnell zur Aussätzigen erklärt. Weil sie sich mit schmutziger Nadel eine üble Tätowierung auf den Arm stechen ließ, die immer wieder spontan zu bluten beginnt, gibt es Aufruhr im Sportunterricht, im Klassenraum. Eine weitere Narbe von der Blutentnahme? Es läuft spontan wie aus dem Wasserhahn ins Schwimmbecken. Panik, Flucht. 
Die Regisseurin geht noch einen Schritt weiter, wählt einen allegorischen Blick auf das Heranwachsen: Das Blut kann auch für die einsetzende Menstruation stehen, die allgegenwärtige Furcht vor jener Krankheit, die die Übermächtigkeit des Erwachsenseins repräsentiert: das Alt werden. „Ich soll infiziert sein?“, schreit sie ihre Mutter an. „Ich bin doch erst 13!“

"Setzen Sie sich ruhig neben mich, ich sterbe sowieso"

Oder schon. Das gibt es, weiß die Mutter. Sie ist schließlich Ärztin und versorgt jeden Tag diejenigen, die an der neuen Seuche leiden: Sie verwandelt die Patienten in marmorne Statuen, das Erleben des Alltags wird schwer wie ein Stein, man kommt nicht mehr hoch, irgendwann setzen die Organe aus. Onkel Amin wird auch daran erkranken; daher will er sich mit dem letzten Schuss umbringen. Alphas Mutter erlaubt ihm den Tod aber nicht, sie will den Schmerz des Unausweichlichen nicht ertragen. Eid ist Eid.
Apropos ertragen: Dieser Film arbeitet eine Stunde lang mit viel Spannung, überraschenden Wendungen, spektakulären Bildern. Ein Plot, in dem es um den menschlichen Körper, Drogen, Armut, die Illusion eines guten Lebens „ein Traum in einem Traum“, wie es im Film heißt – und schlichtweg die Probleme armer Leute in Frankreich geht; schaut nur mal ins Wartezimmer. 

Diese Location ist das Ende der Fahnenstange: „Setzen Sie sich ruhig neben mich, ich sterbe sowieso“, sagt eine ältere Patientin. Das Wartezimmer befindet sich übrigens in Alphas Wohnung, die wiederum innerhalb einer Klinik liegt, einer Dauerbaustelle mit eingerüsteten Fenstern. In der zweiten Hälfte wird es leider etwas zäh, na gut; kann nicht alles klappen. Im großen Ganzen gilt: Das ist ein durchaus gut besetztes und außergewöhnliches Werk. Ideal fürs Nachgespräch in der Kneipe: Wer sich gern dem Unerwarteten im Kino hingibt, ist in „Alpha“ bestens aufgehoben.

„Alpha“. F/BE 2025. Regie: Julia Ducournau. Mit Golshifteh Farahani, Mélissa Boros. Derzeit in den Kinos