CSD-Terror: Wo bleibt die Empathie mit den Opfern?
- Torge Dermitzel
Nach dem Terroranschlag auf die Berlin-Pride werden ideologische Debatten mit aller Heftigkeit geführt, während die queere Community einmal mehr zur Randnotiz ihrer eigenen Geschichte wird.
Ideologische Debatten first, Empathie second: Seit dem Terroranschlag auf den CSD in Berlin überschlagen sich die Debatten. In Chatgruppen wird über Islamismus diskutiert, über antimuslimischen Rassismus, über Migration und innere Sicherheit, als wäre es nur „ein weiterer Anschlag“. Bundeskanzlerin Friedrich Merz sagte am Sonntag in einer Erklärung: „Wir sind mehr, wir sind viele.“ Nur ist er sonst vollberuflich damit beschäftigt, diese progressive, offene „Mehrheit“ zu zerstören. Doch ich frage mich: Wer spricht eigentlich über diejenigen, gegen die sich dieser Hass gerichtet hat?
Der Fokus auf die queere Community verschwindet aus der öffentlichen Debatte erstaunlich schnell. Statt über ihre Sicherheit, ihre Ängste und die zunehmende Gewalt gegen CSDs und queere Infrastruktur zu sprechen, dominiert wieder einmal der politische Reflex. Es geht um den Migrationshintergrund des Täters, um Verschärfungen des Strafrechts und um die üblichen Forderungen nach „Konsequenzen“. Und nicht nur die Politik ist in alte Muster zurückgefallen. Auch viele progressive Content-Creator*innen gehörten zu den Ersten, die den Anschlag sofort einordneten, Analysen veröffentlichten und ihre Takes in die Welt schickten. Kaum waren die ersten Informationen bekannt, wurde darum gerungen, welche Deutung die richtige ist und welches Narrativ sich gegen andere behauptet.
Debatte folgt der Logik sozialer Medien
Die Logik sozialer Medien verlangt Geschwindigkeit und klare Positionierungen, doch dabei geriet ausgerechnet das aus dem Blick, worum es eigentlich gehen müsste: die Menschen, die Opfer dieses Anschlags geworden sind, und die Community, die nun mit Angst, Trauer und Verunsicherung zurückbleibt. Das ist kein Vorwurf: Islamismus oder antimuslimischen Rassismus zu thematisieren – beides muss möglich sein. Aber die Debatte begann vielerorts mit den Analysen, nicht mit den Betroffenen.
Dabei gäbe es auch andere Konsequenzen. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner denkt nicht einmal darüber nach, als Zeichen der Solidarität die Regenbogenflagge auf dem Bundestag zu hissen. CDU-Familienministerin Karin Prien hält an der Streichung der Förderung des Jugendnetzwerks Lambda fest. Auch die geplanten Kürzungen und Umstrukturierungen im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ stehen weiterhin im Raum. Und das, obwohl gerade Initiativen gegen Queerfeindlichkeit und Rechtsextremismus auf eine verlässliche Förderung angewiesen sind.
Solidarität darf sich nicht in Worten erschöpfen
Die Merz-Regierung schreddert jede Minute mehr queerpolitischen Fortschritt als der Verfassungsschutz Akten zu Neonazis. Ich finde, dass das ein fatales Signal ist. Solidarität erschöpft sich nicht in Worten. Sie zeigt sich auch darin, ob man Betroffene sichtbar macht und diejenigen stärkt, die tagtäglich für Demokratie, Vielfalt und den Schutz queerer Menschen arbeiten.
Gleichzeitig erleben wir, wie BSW, Union und AfD den Anschlag für ihre eigene politische Agenda instrumentalisieren. Dieselben Parteien, die sich sonst gar nicht für die Rechte queerer Menschen einsetzen, die sie sogar aktiv beschneiden wollen und diese als „Ideologie“ verunglimpfen, inszenieren sich plötzlich als ihre Verteidiger. Queere Menschen werden dann nicht aus Solidarität sichtbar, sondern weil sich ihr Leid für migrations- und islamfeindliche Erzählungen nutzen lässt. Wer queere Menschen nur dann entdeckt, wenn ein Islamist sie angreift, kämpft nicht für ihre Rechte, sondern missbraucht sie für antimuslimischen Rassismus. Gerade deshalb darf die Debatte nicht denjenigen überlassen werden, die das Leid der Betroffenen für ihre eigenen politischen Ziele ausschlachten.
Das linke Lager wirkt ratlos
Das linke Lager wirkt ratlos. Mahnwachen werden organisiert, Sharepics gepostet und Hashtags verbreitet. Das alles hat seinen Platz. Aber reicht das? Wo ist die politische Strategie gegen den zunehmenden Hass auf queere Menschen? Wo ist die Debatte darüber, wie CSDs, queere Jugendzentren und Beratungsstellen dauerhaft geschützt werden können? Natürlich müssen wir über den sich radikalisierenden Islamismus sprechen. Natürlich müssen wir antimuslimischen Rassismus entschieden zurückweisen und klar machen, dass der islamische Glaube nicht gleich Islamismus oder Scharia bedeutet. Beides schließt sich nicht aus. Aber wenn die öffentliche Debatte fast ausschließlich um diese beiden Themen kreist, gerät aus dem Blick, wer eigentlich Ziel des Anschlags war.
Mein Eindruck ist: Die queere Community wird einmal mehr zur Randnotiz ihrer eigenen Geschichte. Dabei müsste sie jetzt im Mittelpunkt stehen – mit ihrer Trauer, ihren Sorgen und ihrem Anspruch auf Sicherheit und Solidarität. Ich frage mich deshalb: Wer rückt eigentlich die queere Community in den Vordergrund?
Torge Demitzel ist Bundesgeschäftsführer der Demokratischen Linken und Initiator des CSD in Altenburg.