Was tun bei rassistischen Aussagen im Haustürgespräch?

Race-Class-Narrative, Antirassismus

Im 4. Teil des Leitfadens Antirassismus geht es um Praxistipps für Haustürgespräche. Hier geht es auch um die brisante Frage, ob wir Gespräche abbrechen, wenn rassistische Äußerungen fallen. 

1. Solidarische Vorbereitung 

Eine solidarische Genoss*innenschaft ist das Wichtigste, um uns gegenseitig zu schützen. Dazu zählt eine adäquate Vorbereitung darauf, in welche Viertel ihr geht. Faschos, Rassismus, Queerfeindlichkeit und andere Ideologien der Abwertung stellen reale psychische wie auch physische Gefahren dar. 

Einsatzgebiet kennen
Um im Vorhinein gewappnet zu sein, ist es hilfreich, sich die Einsatzgebiete vorher möglichst genau anzuschauen. Dafür könnt ihr AfD-Wahlergebnisse recherchieren oder etwa einen Blick in die sogenannten Berliner Register werfen. Die Berliner Register erfassen seit Jahren „menschenfeindliche, diskriminierende und extrem rechte Vorfälle“. Für das Jahr 2025 wurden 8.286 Vorfälle erfasst, das sind 566 mehr als im Vorjahr – obwohl 2024 mit 7.700 schon ein neuer Höchststand erreicht war. Gleichzeitig gilt es, das Spannungsfeld zwischen notwendiger Vorsicht und politischer Handlungsfähigkeit im Blick zu behalten: Niemand sollte unvorbereitet in potenziell gefährliche Situationen gehen – insbesondere Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Zugleich sollte uns Angst oder Übervorsicht nicht davon abhalten, weiterhin Haustürgespräche und andere direkte Formen der Ansprache zu machen. Entscheidend ist, Risiken realistisch einzuschätzen, sich gut vorzubereiten und dennoch handlungsfähig zu bleiben.

Teams bewusst wählen 
Vor den Aktionen sollte gemeinsam besprochen werden, wie mit möglichen rassistischen, sexistischen, queerfeindlichen oder anderen menschenverachtenden Vorfällen umgegangen wird. Achtet darauf, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Grenzen aller Freiwilligen ernst zu nehmen und nicht kleinzureden. Es kann hilfreich sein, in gemischten Teams (rassifiziert/weiß) an die Haustüren zu gehen. Die Erfahrung im Bundestagswahlkampf hat (leider) gezeigt, dass die Anwesenheit weißer Personen buchstäblich Türen öffnen kann. Zudem kann so auch eine Person, die nicht von Rassismus betroffen ist, zusätzlich darauf achten, dass keine Grenzen überschritten werden. Gleichzeitig muss jede Person selbst entscheiden können, mit wem sie sich bei Haustürgesprächen wohlfühlt. Außerdem kann die Verabredung gemeinsamer Codewörter oder Signale helfen, um Unsicherheit, Überforderung oder den Wunsch nach einer Pause schnell kommunizieren zu können. 

2. Während der Haustüraktion

Dranbleiben!
Wir leben in einer Gesellschaft, die strukturell rassistisch ist. Das zeigt sich auch an den Haustüren. Gespräche können sehr ermüdend und verletzend sein. Dennoch sollten wir uns nicht vorschnell von Menschen abwenden, die diskriminierende Aussagen treffen. Denn wie bereits in der Einleitung erläutert, können wir als Linke nur dann gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen, wenn es gelingt, Menschen zu überzeugen und gemeinsame Perspektiven zu entwickeln. Rassistische Einstellungen knüpfen häufig an reale Unsicherheiten, Konkurrenz­erfahrungen und Abstiegsängste an und liefern scheinbar einfache Erklärungen für komplexe Probleme. Gleichzeitig teilen viele Menschen grundlegende Werte wie Solidarität, Sicherheit und das Bedürfnis nach einem guten Leben für alle. Genau daran lässt sich in Gesprächen anknüpfen – unabhängig von Hautfarbe oder (zugeschriebener) Herkunft. Hier können wir gut das Race-Class-Narrative[1] anwenden: Statt Spaltung und Sündenböcke zu akzeptieren, stellt es gemeinsame Interessen in den Mittelpunkt und stärkt Solidarität über rassistische und soziale Grenzen hinweg. 

Offene Rückfragen
Fragen wie „Was macht dir daran Sorgen?“ oder „Wie genau meinst du das?“ können helfen, hinter abstrakten Aussagen die konkreten Ängste und Bedürfnisse sichtbar zu machen. Daran anknüpfend lässt sich das Gespräch auf gemeinsame Interessen und strukturelle Ursachen lenken, etwa auf soziale Ungleichheit oder steigenden Druck im Alltag. Macht deutlich, dass rassistische Narrative häufig dazu dienen, von der tatsächlichen Verantwortung politischer Entscheidungsträger*innen abzulenken. Stattdessen projizieren sie die vermeintliche Schuld an den Zuständen auf bestimmte Gruppen, um nicht die zugrunde liegenden politischen und wirtschaftlichen Ursachen benennen zu müssen.

Auf Grenzen achten
Haustürgespräche sind oft ein Balance-Akt. Auch wenn es sich lohnen kann, auch bei zunächst diskriminierenden Aussagen ins Gespräch zu gehen und gemeinsame Interessen oder Werte herauszuarbeiten, gilt gleichzeitig: Vertraut auf eure Intuition und darauf, ob ihr in dem Moment die emotionale Kraft habt, euch auf ein solches Gespräch einzulassen. Achtet auf eure eigenen Grenzen: Nicht jedes Gespräch muss um jeden Preis weitergeführt werden. Wenn eine Situation respektlos, verletzend oder bedrohlich wird, kann es wichtig sein, ein Gespräch bewusst zu beenden. Kein Gespräch ist es wert, dass ihr euch in Gefahr begibt!

Tipps für Selbstschutz
Haustürgespräche können anstrengend und ermüdend sein, insbesondere wenn ihr mit diskriminierendem Verhalten konfrontiert werdet. Achtet deshalb gut auf euch selbst und solidarisch aufeinander:

  •  Macht regelmäßig Pausen, trinkt und esst genug.
  • Gebt nicht zu viel von euch preis: Persönliche Erfahrungen  – ob echte oder zum Selbstschutz bewusst vage gehaltene – können helfen, Verbindungen herzustellen. Gleichzeitig kann zu viel Offenheit verletzlich machen.  
  •  Es kann deshalb sinnvoll sein, sich für Aktionen einen anderen Namen zuzulegen oder bewusst als Gruppe aufzutreten. Hilfreich ist es auch, von „uns“ und „wir“ als Linke zu sprechen, statt sich selbst allein in den Mittelpunkt zu stellen.
  •  Wenn ihr mit rassistischen Bemerkungen oder diskriminierendem Verhalten konfrontiert werdet, versucht, ruhig und souverän zu bleiben. Wütende oder stark emotionale Reaktionen können Situationen verschärfen. Rechte Argumentationsmuster basieren nicht auf Fakten, sondern auf Emotionalisierung und Provokation – lasst euch nicht in diese Dynamik hineinziehen!
  •  Bewahrt Ruhe, vertraut eurem Skript und bleibt auf der Sachebene. So könnt ihr potenziell eskalierenden Dynamiken oft bereits den Wind aus den Segeln nehmen. Lasst euch dabei nicht in Kulturkampfdebatten hineinziehen, sondern versucht, den Fokus auf gemeinsame Interessen und konkrete Probleme zu lenken

    Nach der Haustüraktion
  •  Seid füreinander da, sprecht im Team offen über Eindrücke und Bedenken und unterstützt einander. Vertrauen in die eigenen antirassistischen und antifaschistischen Instinkte entsteht auch durch gemeinsames Handeln und gegenseitige Unterstützung.
  •  Nehmt euch mind. 20 bis 30 Minuten Zeit, um euch im Team auszutauschen, Vorfälle zu besprechen und darüber auszutauschen, wie ähnliche Situationen in Zukunft gehandhabt werden können.
  •  Bei Bedarf kann professionelle Unterstützung hilfreich sein. ReachOut Berlin bietet kostenlose Beratung für Menschen, die von rassistischer oder rechter Gewalt, Bedrohung, Racial Profiling oder rassistischer Polizeigewalt betroffen sind (https://www.reachoutberlin.de/de/Unsere Arbeit/Beratung/) 
  •  Weitere Beratungs- und Meldestellen für Betroffene rassistischer Gewalt und Diskriminierung wurden von Claim zusammengestellt: https://www.i-report.eu/beratungs-und-meldestellen/[2]

 

 

 


 

Links:

  1. https://www.links-bewegt.de/de/article/1119.das-race-class-narrative-teil-ii-des-leitfadens-der-ag-antirassistische-praxis.html
  2. https://www.i-report.eu/beratungs-und-meldestellen/