Interview

Luigi Pantisano im Interview: "Wir müssen dahin, wo die Wut ist"

Seit zwei Wochen ist Luigi Pantisano Vorsitzender unserer Partei. Im Interview mit »Links bewegt« spricht er über seine ersten Tage im Amt und seine Pläne für die Partei. Zudem geht es um die Frage, wie ihn seine Herkunft aus einem Arbeiterhaushalt geprägt hat.

Luigi, Du bist nun Ko-Vorsitzender einer Partei mit mehr als 126.000 Mitgliedern. Das bringt eine große Verantwortung mit sich. Kannst Du da überhaupt noch ruhig schlafen? Konntest Du Dich überhaupt schon einarbeiten?
Die erste Woche war schon sehr herausfordernd. Als Parteivorsitzender ins Karl-Liebknecht-Haus zu laufen, war ein besonderer Moment für mich. Dabei hatte ich viel Demut. Ich habe richtig Bock auf die Aufgabe und wir haben mit meinem Team direkt mit der Arbeit für unsere tolle Partei angefangen. Diese Woche bin ich in meinem Wahlkreis Stuttgart bei meiner Familie und ich kann etwas durchatmen. Ich bin dabei, mich in alles einzuarbeiten und zu strukturieren.  

Wie sieht eine solche Woche für einen Parteivorsitzenden aus? Bist Du viel im Land unterwegs oder überwiegen die Gremiensitzungen?
Jetzt am Anfang gibt es sehr viele Sitzungen, viel online. Das gehört dazu. Wenn nicht Sitzungswoche im Bundestag ist, bin ich viel unterwegs. Am Montag war ich auf der „Es reicht“-Demo in Stuttgart gegen den Sozialkahlschlag. Ich bin viel in Betrieben unterwegs, um mit Kolleg*innen zu sprechen – das werde ich weitermachen und hab schon einige Termine geplant.

Du führst zusammen mit Ines Schwerdtner den Vorsitz. Wie läuft da die Zusammenarbeit? Ihr müsst euch ja in vielen Fragen sicher abstimmen?
Ines Schwerdtner und ihr Team leisten eine beeindruckende Arbeit. Wir sprechen uns jede Woche eng ab. Sie helfen uns außerdem, jetzt gut in die Arbeit reinzukommen. Wir haben eine hohe Übereinstimmung in politischen Fragen und eine genaue Idee, wie wir die Partei weiterentwickeln wollen. 

Die Linke wächst und hat zehntausende neue Mitglieder. Wie können wir diese überwiegend sehr jungen Menschen einbinden?
In Baden-Württemberg startet mein Landesverband jetzt ein Ausbildungsprogramm über mehrere Wochenenden, das finde ich super. Das müssen wir auch auf Bundesebene zukünftig weiter ausbauen. Manche Sachen kann man aber nur in der Praxis lernen. Dafür eignet sich die Mietenkampagne super. Über 130 Kreisverbände sind lokal aktiv und bieten unseren neuen Mitgliedern eine gute Praxis zum Einstieg. Gleiches gilt für die Sozialproteste. In wenigen Wochen intensiver Kampagnenarbeit kann man oft mehr lernen als in jedem Lesekreis.

Am Parteitagswochenende hast Du Schlagzeilen gemacht, weil Du der CDU in einem Interview vorgeworfen hattest, eine „faschistische Politik“ zu betreiben. Der mediale Aufschrei war groß, Du hast Deine Aussagen später richtiggestellt. Wie kam es zu diesem Satz?
Meine Aussage war überspitzt. Die Gleichstellung zwischen CDU und AfD war nicht richtig. Dafür habe ich mich entschuldigt. Meine Kritik bleibt aber bestehen. Die CDU übernimmt immer mehr die Politik der AfD. Die entstandene Diskussion zeigt aber auch, dass es den Bedarf gibt, in der Gesellschaft über Faschismus zu diskutieren. Und die CDU versucht davon abzulenken, dass Jens Spahn sich mindestens 5 Mal mit dem Rechten Peter Thiel getroffen hat und die Union in den europäischen Parlamenten gemeinsame Sache macht mit den extremen Rechten.

Mittlerweile haben sich die medialen Wogen geglättet und Du kannst Dich an die Arbeit machen. Welche Projekte sind Dir besonders wichtig? Wo willst Du Prioritäten setzen?
Höchste Priorität hat die Frage, wie wir als Linke die Arbeiter*innen gewinnen. Ich will mich jetzt mit den vielen Kolleg*innen und Gewerkschafter*innen aus der Partei und unserem Umfeld zusammensetzen und überlegen, was die nächsten Schritte sind. Sehr viele Menschen haben sich bei meiner Hotline für Arbeiter*innen gemeldet. Das wollen wir auswerten und weiterentwickeln. Die Wahlen im Herbst treiben mich natürlich um, weil sie erhebliche bundespolitische Bedeutung haben. Und ich hoffe, dass wir mit den Sozialprotesten auch trotz Sommerpause weitermachen können. Die Merz-Regierung wird mit den Angriffen auf den Sozialstaat auch im Herbst weitermachen. 

Wie können wir die Menschen aus der Arbeiterklasse noch besser ansprechen und auch erreichen? Du hast ja vorgeschlagen, dass wir uns wieder an die Werkstore stellen. Reicht das?
Das ist der erste Schritt. Wir müssen dahin, wo die Wut ist und es für die Linke auch mal ungemütlich sein kann. Aber wir müssen als Partei auch einiges tun. Unsere Strukturen so gestalten, dass sie auch für Menschen einladend sind, die viel arbeiten und wenig Zeit haben. Eine Sprache sprechen, die die Menschen verstehen. Und wir müssen mehr Arbeiter*innen in führende Positionen bringen. Da sind wir auch schon auf einem guten Weg, wie man in der aktuellen Fraktion sehen kann. 

Du stammst aus einer Arbeiterfamilie, hast die Hauptschule besucht,und es schließlich zum Diplom-Ingenieur gebracht. Wie hat Dich Deine Biografie geprägt?
Meine Eltern haben hart dafür gearbeitet, dass es ihre Kinder besser haben. Von ihnen habe ich das Kämpfen gelernt. Ich weiß, wie es ist, wenn die Reichen abschätzig auf einen herunterschauen. Dieses Gefühl kriegen Millionen von Menschen gerade von der Merz-Regierung vermittelt. Da müssen wir ran. Gleichzeitig können sich Arbeiterfamilien heutzutage nicht mehr so leicht einen bescheidenen Wohlstand aufbauen, wie es noch zu der Zeit meiner Eltern war. Das macht mich wütend.

Du bist Bauzeichner, Stadtplaner und Architekt. Hat man da einen anderen Blick auf Politik und Gesellschaft?
In meiner Zeit in Konstanz als Stadtplaner habe ich gelernt, wie sehr die Stadt anhand von Klassen aufgespalten ist. Das war prägend und motiviert mich, in der Mietenkampagne aktiv zu sein. Denn ich habe in meiner Arbeit in einem Arbeiterquartier auch gelernt: Durch gezielte Ansprache werden die unterschiedlichsten Menschen aktiv, um ihre unmittelbare Umgebung zu gestalten und ihre Lebenssituation zu verbessern. Leute um ihre konkreten, materiellen Bedürfnisse herum zu organisieren – das funktioniert.