Mit dem Race-Class-Narrative ins Haustürgespräch
- AG Antirassistische Praxis
Mit einem neuen Leitfaden liefert die AG Antirassistische Praxis der Berliner Linken einen Werkzeugkasten für die alltägliche politische Arbeit und kommende Wahlkämpfe. https://www.links-bewegt.de/antirassismus-von-unten-ein-leitfaden.html [1]Es geht darum, die theoretische Debatte auf die Straße, in die Kieze und an die Haustüren zu tragen. Auf „Links bewegt“ veröffentlichen wir diesen Leitfaden nun in mehreren Teilen.
Teil II - Unser Werkzeugkasten
Das Race-Class-Narrative
In politischen Auseinandersetzungen geht es nicht nur um Inhalte, sondern auch darum, wie Geschichten erzählt werden. Rechte und Konservative arbeiten erfolgreich mit Spaltung: Sie lenken von sozialen Problemen ab, indem sie einzelne Gruppen gegeneinander ausspielen. Das Race-Class-Narrative setzt genau hier an und entwickelt eine Gegenstrategie:
- Emotionen mobilisieren: Menschen handeln nicht nur rational. Gute politische Kommunikation knüpft an Erfahrungen, Gefühle und Alltagsrealitäten an.
- Spaltung überwinden: Statt „entweder soziale Frage oder Antirassismus“ verbindet das RCN beides – und spricht damit breitere Teile der Gesellschaft an.
- Gegner sichtbar machen: Es zeigt, dass soziale Ungleichheit kein Zufall ist, sondern politisch gemacht wird – und dass Rassismus oft gezielt genutzt wird, um davon abzulenken.
- Mehrheiten organisieren: Ziel ist nicht nur Zustimmung, sondern kollektives Handeln – also Menschen zusammenzubringen, die gemeinsam Druck aufbauen können.
Kurz gesagt: Das RCN verschiebt den Diskurs von „die da unten gegeneinander“ hin zu „wir gemeinsam gegen die, die profitieren“.
Unsere Zielgruppen
Vor der Anwendung des Race-Class-Narratives ist entscheidend zu klären, wen wir überhaupt erreichen wollen. Zielgruppen unterscheiden sich je nach Kontext (z. B. Demo, Kampagne, Versammlung) und müssen jeweils passend angesprochen werden. Grundsätzlich gibt es drei Gruppen:
- Die Basis (Aktivist*innen, Mitglieder, Sympathisant*innen): Sie sind bereits überzeugt. Hier geht es vorrangig darum, sie zu aktivieren und einzubinden, nicht mehr zu überzeugen.
- Die Überzeugbaren: Menschen ohne feste politische Haltung, die einige unserer Werte teilen (z. B. Gerechtigkeit). Sie sind die zentrale Zielgruppe, weil sie durch verständliche Ansprache und konkrete Angebote gewonnen und organisiert werden können.
- Die Nicht-Überzeugbaren: Lehnen unsere Werte grundsätzlich ab. Eine Ansprache lohnt sich strategisch nicht.
Das Race-Class-Narrative richtet sich vor allem an die Überzeugbaren: Es soll weder die eigene Basis belehren noch Energie auf ungewinnbare Gruppen verschwenden, sondern neue Mehrheiten aufbauen.
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Schritt |
Ziel |
Beispiel |
Wichtig |
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1 Gemeinsame Werte & „Großes Wir“ herstellen |
Identifikation über gemeinsame Werte schaffen |
„Egal, ob wir Yilmaz oder Müller heißen … in Berlin halten wir zusammen." |
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2 Problem konkret benennen |
Gemeinsames Problembewusstsein schaffen |
„Doch die Mieten steigen, Löhne reichen oft nicht mehr …" |
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3 Gegner benennen & Spaltung entlarven |
Konflikt sichtbar machen |
„Kai Wegner und seine reichen Freunde aus der Immobilienlobby … zeigen mit dem Finger auf unsere Nachbar*innen." |
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4 Gemeinsame Vision & Handlungsaufruf |
Aktivierung |
„Wir können das ändern … Komm am [Datum] zur Versammlung und mach mit." |
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Do’s and Don’ts – Race-Class-Narrative
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DOs |
DON'Ts |
Beispiel |
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Sprache & Einstieg |
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✓ Mit gemeinsamen Werten beginnen (Zusammenhalt, Solidarität, Arbeit, Familie) |
✗ Mit Problemen beginnen |
„Egal, woher wir kommen oder was in unserem Pass steht, wir halten zusammen …“ (Statt: Wegen der hohen Mieten können wir uns das Leben nicht mehr leisten …) „Wir hier in Neukölln halten zusammen und arbeiten hart …“ (Statt: Neukölln ist ein Problembezirk) |
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✓ Einfache und verständliche Sprache verwenden |
✗ Fachbegriffe verwenden |
„Mehr Geld dafür, was wir wirklich zum Leben brauchen.“ (Statt: Investitionsstau) |
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✓ Storytelling |
✗ Trockene Zahlen |
„Erst gestern habe ich mit einem Nachbarn gesprochen. Er berichtet mir von der immerwährenden Sorge, seine Wohnung zu verlieren.“ (Statt: xxxx Menschen suchen in Neukölln eine Wohnung) |
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✓ Verantwortliche Personen benennen |
✗ Nicht als abstraktes Systemproblem darstellen |
„Die Politiker von CDU und SPD und ihre reichen Freunde in der Immobilienlobby verscherbeln unsere Kieze.“
(Statt: Aufgrund der Kürzungspolitik des Senats müssen zahlreiche Einrichtungen schließen) |
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Vision, Mobilisierung & Kommunikation |
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✓ Vision benennen |
✗ Nicht nur über Probleme sprechen |
„Unsere Vision ist ein Neukölln, in dem jeder mit seiner Familie ein sichereres und selbstbestimmtes Leben führen kann.“
(Statt: Neukölln liegt am Boden) |
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✓ Klare Alternative zur Opposition anbieten |
✗ Nicht durch vage Formulierungen auch Zustimmung der Gegner suchen |
„Wir stehen für einen bundesweiten Mietendeckel – im Gegensatz zu allen anderen Parteien an der Seite der arbeitenden Menschen.“
(Statt: Wir brauchen eine verantwortungsvolle Wohnungspolitik) |
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✓ Erfolge betonen |
✗ Nicht nur Bemühungen unterstreichen |
„Wir haben bis heute an xx Tausend Haustüren geklingelt.“
(Statt: wir versuchen / wir wollen / wir hoffen) |
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✓ Anschlussfähige Symbolik in Bild und Video |
✗ Linke Szene Codes vermeiden |
Arbeitende Menschen im Alltag, ordentliche Kleidung
(Statt: ACAB / 1312 / Graffiti-Ästhetik) |
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✓ Menschen sprechen lassen |
✗ Nicht für Menschen sprechen |
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✓ Einen klaren Call-to-Action setzen |
✗ Vage Formulierungen vermeiden |
„Deshalb komm am [Datum] zur Mieter*innenversammlung!“
(Statt: Deswegen müssen wir uns zusammenschließen und der Immobilienlobby den Kampf ansagen) |
Praxistipps für Haustürgespräche
1. Solidarische Vorbereitung
Eine solidarische Genoss*innenschaft ist das Wichtigste, um uns gegenseitig zu schützen. Dazu zählt eine adäquate Vorbereitung darauf, in welche Viertel ihr geht. Faschos, Rassismus, Queerfeindlichkeit und andere Ideologien der Abwertung stellen reale psychische wie auch physische Gefahren dar. Einsatzgebiet kennen. Um im Vorhinein gewappnet zu sein, ist es hilfreich, sich die Einsatzgebiete vorher möglichst genau anzuschauen. Dafür könnt ihr AfD-Wahlergebnisse recherchieren oder etwa einen Blick in die Berliner Register werfen. Die Berliner Register erfassen seit Jahren „menschenfeindliche, diskriminierende und extrem rechte Vorfälle“. Für das Jahr 2025 wurden 8.286 Vorfälle erfasst, das sind 566 mehr als im Vorjahr – obwohl 2024 mit 7.700 schon einen Höchststand dargestellt hat.
Gleichzeitig gilt es, das Spannungsfeld zwischen notwendiger Vorsicht und politischer Handlungsfähigkeit im Blick zu behalten: Niemand sollte unvorbereitet in potenziell gefährliche Situationen gehen – insbesondere Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Zugleich sollte uns Angst oder Übervorsicht nicht davon abhalten, weiterhin Haustürgespräche und andere direkte Formen der Ansprache zu machen. Entscheidend ist, Risiken realistisch einzuschätzen, sich gut vorzubereiten und dennoch handlungsfähig zu bleiben.
Teams bewusst wählen! Vor den Aktionen sollte gemeinsam besprochen werden, wie mit möglichen rassistischen, sexistischen, queerfeindlichen oder anderen menschenverachtenden Vorfällen umgegangen wird. Achtet darauf, die unterschiedlichen Bedürfnisse und Grenzen aller Freiwilligen ernst zu nehmen und nicht kleinzureden. Es kann hilfreich sein, in gemischten Teams (rassifiziert/weiß) an die Haustüren zu gehen. Die Erfahrung im Bundestagswahlkampf hat (leider) gezeigt, dass die Anwesenheit Weißer Personen buchstäblich Türen öffnen kann. Zudem kann so auch eine Person, die nicht von Rassismus betroffen ist, in Verantwortung genommen werden, zusätzlich darauf zu achten, dass keine Grenzen überschritten werden. Gleichzeitig muss jede Person selbst entscheiden können, mit wem sie sich bei Haustürgesprächen wohlfühlt. Außerdem kann die Verabredung gemeinsamer Codewörter oder Signale helfen, um Unsicherheit, Überforderung oder den Wunsch nach einer Pause schnell kommunizieren zu können.
2. Während der Haustüraktion
Wir leben in einer Gesellschaft, die strukturell rassistisch ist. Das zeigt sich auch an den Haustüren. Gespräche können sehr ermüdend und verletzend sein. Dennoch sollten wir uns nicht vorschnell von Menschen abwenden, die diskriminierende Aussagen treffen. Denn wie bereits in der Einleitung erläutert, können wir als Linke nur dann gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen, wenn es gelingt, Menschen zu überzeugen und gemeinsame Perspektiven zu entwickeln. Rassistische Einstellungen knüpfen häufig an reale Unsicherheiten, Konkurrenzerfahrungen und Abstiegsängste an und liefern scheinbar einfache Erklärungen für komplexe Probleme. Gleichzeitig teilen viele Menschen grundlegende Werte wie Solidarität, Sicherheit und das Bedürfnis nach einem guten Leben für alle. Genau daran lässt sich in Gesprächen anknüpfen – unabhängig von Hautfarbe oder (zugeschriebener) Herkunft. Hier können wir gut das Race-Class-Narrative anwenden: Statt Spaltung und Sündenböcke zu akzeptieren, stellt es gemeinsame Interessen in den Mittelpunkt und stärkt Solidarität über rassistische und soziale Grenzen hinweg.
Offene Rückfragen
Fragen wie „Wie genau meinst du das?“ oder „Was macht dir daran Sorgen?“ können helfen, hinter abstrakten Aussagen die konkreten Ängste und Bedürfnisse sichtbar zu machen. Daran anknüpfend lässt sich das Gespräch auf gemeinsame Interessen und strukturelle Ursachen lenken, etwa auf soziale Ungleichheit oder steigenden Druck im Alltag. Macht deutlich, dass rassistische Narrative häufig dazu dienen, von den tatsächlichen Verantwortlichkeiten politischer Entscheidungen abzulenken und die Verantwortung für gesellschaftliche Probleme auf bestimmte Gruppen zu projizieren, anstatt die zugrunde liegenden politischen und wirtschaftlichen Ursachen zu benennen.
Auf Grenzen achten
Haustürgespräche sind oft ein Balance-Akt. Auch wenn es sich lohnen kann, auch bei zunächst diskriminierenden Aussagen ins Gespräch zu gehen und gemeinsame Interessen oder Werte herauszuarbeiten, gilt gleichzeitig: Vertraut auf eure Intuition und darauf, ob ihr in dem Moment die emotionale Kraft habt, euch auf ein solches Gespräch einzulassen. Achtet auf eure eigenen Grenzen: Nicht jedes Gespräch muss um jeden Preis weitergeführt werden. Wenn eine Situation respektlos, verletzend oder bedrohlich wird, kann es wichtig sein, ein Gespräch bewusst zu beenden. Kein Gespräch ist es wert, dass ihr euch in Gefahr begibt!
Tipps für Selbstschutz
Haustürgespräche können anstrengend und ermüdend sein, insbesondere wenn ihr mit diskriminierendem Verhalten konfrontiert werdet. Achtet deshalb gut auf euch selbst und solidarisch aufeinander:
- Macht regelmäßig Pausen, trinkt und esst genug.
- Gebt nicht zu viel von euch preis: Persönliche Erfahrungen – ob echte oder zum Selbstschutz bewusst vage gehaltene – können helfen, Verbindungen herzustellen. Gleichzeitig kann zu viel Offenheit verletzlich machen.
- Es kann deshalb sinnvoll sein, sich für Aktionen einen anderen Namen zuzulegen oder bewusst als Gruppe aufzutreten. Hilfreich ist es auch, von „uns“ und „wir“ als Linke zu sprechen, statt sich selbst allein in den Mittelpunkt zu stellen.
- Wenn ihr mit rassistischen Bemerkungen oder diskriminierendem Verhalten konfrontiert werdet, versucht ruhig und souverän zu bleiben. Wütende oder stark emotionale Reaktionen können Situationen verschärfen. Rechte Argumentationsmuster basieren nicht auf Fakten, sondern auf Emotionalisierung und Provokation – lasst euch nicht in diese Dynamik hineinziehen!
- Bewahrt Ruhe, vertraut eurem Skript und bleibt auf der Sachebene. So könnt ihr potenziell eskalierenden Dynamiken oft bereits den Wind aus den Segeln nehmen. Lasst euch dabei nicht in Kulturkampfdebatten hineinziehen, sondern versucht, den Fokus auf gemeinsame Interessen und konkrete Probleme zu lenken.
3. Nach der Haustüraktion
- Seid füreinander da, sprecht im Team offen über Eindrücke und Bedenken und unterstützt euch gegenseitig. Vertrauen in die eigenen antirassistischen und antifaschistischen Instinkte entsteht auch durch gemeinsames Handeln und gegenseitige Unterstützung.
- Nehmt euch mind. 20 bis 30 Minuten Zeit, um euch im Team auszutauschen, Vorfälle zu besprechen und darüber auszutauschen, wie ähnliche Situationen in Zukunft gehandhabt werden können.
- Bei Bedarf kann professionelle Unterstützung hilfreich sein. ReachOut Berlin bietet kostenlose Beratung für Menschen, die von rassistischer oder rechter Gewalt, Bedrohung, Racial Profiling oder rassistischer Polizeigewalt betroffen sind (https://www.reachoutberlin.de/de/Unsere Arbeit/Beratung/)
- Weitere Beratungs- und Meldestellen für Betroffene rassistischer Gewalt und Diskriminierung wurden von Claim zusammengestellt: https://www.i-report.eu/beratungs-und-meldestellen/[2]
Links:
- https://www.links-bewegt.de/de/article/1118.antirassismus-von-unten-ein-leitfaden-der-ag-antirassistische-praxis.html
- https://www.i-report.eu/beratungs-und-meldestellen/