"Bildung darf kein Armutsrisiko sein"

Für viele Studierende wird das Studium zur Armutsfalle

Im Interview mit "Links bewegt" erklärt Nicole Gohlke, Sprecherin für Bildung und Wissenschaft der Linksfraktion, warum viele Studierende keine BAföG-Anträge mehr stellen und Die Linke jetzt auf einen echten Systemwechsel drängt.

Nicole, das BAföG sollte eigentlich dafür sorgen, dass jeder unabhängig vom Geldbeutel der Eltern studieren kann. Wie sieht die Realität heute aus?
Die Realität ist ernüchternd. Das BAföG ist leider zu einer Sackgasse geworden: Es ist viel zu niedrig, erreicht zu wenige Menschen und endet für viele in der Verschuldung. Anstatt den Zugang zu höherer Bildung zu garantieren, wird das Studium heute für viele zu einem echten Armutsrisiko.

Aus dem Bildungsministerium hört man dazu andere Töne. Forschungsministerin Dorothee Bär meinte jüngst, eine Erhöhung sei mangels Geld nicht drin und ein Job neben dem Studium sei „kein Drama“. Ist da nicht was dran?
Diese Worte klingen wie Hohn angesichts der angespannten sozialen Lage der Studierenden. Studien zeigen doch ganz deutlich: Mehr als ein Drittel der Studierenden ist arm. Bei denjenigen, die allein oder in einer WG wohnen, sind es sogar schockierende 80 Prozent. Gleichzeitig befindet sich die staatliche Unterstützung auf einem Tiefstand – nur noch zehn Prozent der Studierenden werden überhaupt gefördert. Zu sagen, das sei „kein Drama“, ignoriert die Lebensrealität der jungen Menschen komplett.

Aber viele Studierende arbeiten doch nebenbei, um über die Runden zu kommen. Wo liegt darin das Problem?
Knapp 63 Prozent der BAföG-Beziehenden müssen einer Nebentätigkeit nachgehen, weil die Wohnkostenpauschale in vielen Groß- und Universitätsstädten nicht mal mehr für ein einfaches Zimmer reicht. Für über ein Drittel der Studierenden ist genau diese Mehrfachbelastung aus Studium und Arbeit der Hauptgrund für psychische Belastungen und existenzielle Sorgen. Wer junge Menschen sehenden Auges noch tiefer in diesen Überlebenskampf treibt, sabotiert vorsätzlich die Gesundheit und die Zukunft einer ganzen Generation.

Warum verzichten dann so viele Menschen auf das BAföG, obwohl sie vielleicht einen Anspruch hätten?
Zum einen schrecken die Bürokratie und die geringen Fördersätze ab – viele haben keine Lust auf monatelange Verfahren mit Aussicht auf einen Fördersatz, der zum Leben nicht reicht. Zum anderen ist das BAföG kein echter Nachteilsausgleich mehr, weil sich die Studierenden verschulden müssen. Die Aussicht, nach dem Abschluss mit bis zu zehntausend Euro Schulden dazustehen, wirkt massiv abschreckend.

Die Linksfraktion hat nun einen Antrag zum Thema in den Bundestag eingebracht. „Ein BAföG, von dem man leben und studieren kann“, heißt das Papier. Was ist das letztendliche Ziel dieses Antrags?
Wir wollen ein BAföG, von dem man schlicht leben und studieren kann – und zwar ohne sich zu verschulden. Das System muss wieder ein verlässliches Aufstiegsversprechen bieten und den Zugang zu Studium und Ausbildung für alle öffnen. Höhere Bildung darf niemanden in die Armut oder in die Schuldenfalle treiben.

Aber wie soll eine solche Kehrtwende aussehen? Reicht es nicht, die BAföG-Sätze zu erhöhen?
Nein, eine reine Erhöhung der Sätze ist zu wenig. Wir brauchen eine echte Strukturreform. Wir wollen einen Vollzuschuss statt Darlehen: Das BAföG muss wieder zu einem komplett rückzahlungsfreien Vollzuschuss werden, so wie es bis 1974 schon einmal war. Niemand sollte aus Angst vor Verschuldung auf eine gute Ausbildung verzichten. Ganz wichtig: Es muss ein existenzsicherndes Niveau haben. Das heißt: Die Fördersätze müssen sich an den tatsächlichen Lebenshaltungskosten orientieren und jährlich automatisch an die Inflation angepasst werden. Wir fordern zudem einen echten Mietkostenzuschuss. Die starre Pauschale muss durch einen Mietkostenzuschuss ersetzt werden, der sich wie das Wohngeld am lokalen Mietniveau orientiert. Wir müssen die bürokratischen Hürden senken und den Kreis der Förderberechtigten erweitern.

Der Antrag der Bundestagsfraktion zum Download hier: https://dip.bundestag.de/drucksache/ein-bafög-von-dem-man-leben-und-studieren-kann/[1]

Links:

  1. https://dip.bundestag.de/drucksache/ein-bafög-von-dem-man-leben-und-studieren-kann/288411?f.wahlperiode=21&f.typ=Dokument&f.herausgeber_dokumentart=Bundestag-Drucksache&start=1&rows=200&sort=verteildatum_ab&pos=115&ctx=d