Wie holt man für Die Linke 10 Prozent in der fränkischen Provinz?
- Redaktion
Bei den Kommunalwahlen in Bayern konnte Die Linke auch in kleineren Orten stark dazugewinnen und ist nun erstmals in zahlreichen Kreistagen und Gemeinderäten vertreten. Im Gespräch mit "Links bewegt" verraten zwei Genoss*innen aus dem Nürnberger Land ihre Erfolgsgeheimnisse. Tanja Ulrich ist als Sozialarbeiterin tätig und holte für Die Linke im fränkischen Vorra ein geradezu sensationelles Ergebnis. Tanja kann es bis heute kaum fassen: „Wir haben mehr als 10 Prozent erreicht! Das Ergebnis kam sehr überraschend, da sich unsere Ortsgruppe erst Anfang Januar gegründet hat. Doch der Erfolg war kein Zufall, sondern harte Arbeit". Sebastian Endres, der ein duales Studium beim Finanzamt Hersbruck absolviert, trat für Die Linke 1500-Seelen-Gemeinde Offenhausen. Auch er sitzt jetzt im Gemeinderat: „Bei uns in Offenhausen haben wir 6,4 Prozent geschafft. Hier kamen viele enttäuschte SPD-Wähler*innen zu uns.“
Was macht einen guten Lokalwahlkampf aus?
Beide Genoss*innen sind sich einig: Besonders wichtig sind Haustürgespräche. Tanja Ulrich: „Dadurch konnte ich viele Menschen kennenlernen und mich persönlich vorstellen. Ich habe mir viel Zeit für die persönlichen Gespräche genommen, den Menschen zugehört und ihre Fragen beantwortet. Die Haustürgespräche haben mich sehr motiviert. Ich habe sogar zehn Personen gefunden, die sich vorstellen können, in unserer Ortsgruppe mitzuwirken. Wichtig war auch das Teamwork mit Genoss*innen aus Nürnberg Stadt und vom Nürnberger Land. Als ich dann alles beisammen hatte - Flyer und so, bin ich einfach losgegangen. Das war eher so learning by doing. Wichtig war mir, mich nicht aufzudrängen oder zu überreden.“
Sebastian Endres ergänzt: „Wir haben hier an unseren Infoständen viele tolle Gespräche gehabt. Allein schon die Tatsache, dass wir mit unserem Stand an einer viel befahrenen Straße standen, hat uns viel Aufmerksamkeit gebracht. So konnten wir einfach zeigen: Seht her, wir sind hier vor Ort. Zudem fand unser Marken-Portal Lissi https://digital.die-linke.de/lissi/[1] sehr hilfreich. Mit den Vorlagen, die man bei Lissi downloaden kann, habe ich Flyer erstellt und dann verteilt. Das klappte prima.“
Welche Themen ziehen in kleineren Orten?
Tanja Ulrich: „Im Vordergrund stand für mich verbinden statt spalten. Soziale Themen waren uns daher besonders wichtig, wie z.B. eine offene Sprechstunde für alle, Kinderbetreuung bei Gemeindeveranstaltungen wie der Bürgerversammlung, damit beide Elternteile teilnehmen können, Stärkung des ÖPNV und der Nachbarschaftshilfe, sichere Wege und der Erhalt regionaler Einkaufsmöglichkeiten“. Sebastian Endres wünscht sich von der Bundesebene "ein klareres Konzept, um schwarze und blaue Flecken im ländlichen Raum einzudämmen, also eine antifaschistische und sozialistische Perspektive gezielt für den ländlichen Raum. Für viele Menschen dort sind nicht in erster Linie steigende Mieten das größte Problem, sondern vor allem zunehmende Mobilitätskosten sowie wieder deutlich steigende Heizkosten."
Wie können wir unsere Forderungen auf die lokale Ebene bringen?
Sebastian Endres: "Wichtig ist: Klimaschutz darf nicht gegen die Menschen im ländlichen Raum gestaltet werden, sondern kann nur gemeinsam mit ihnen funktionieren. Dafür braucht es konkrete und sozial gerechte Konzepte – etwa für den Ausbau von Wärmepumpen, ohne die Bürger*innen zusätzlich zu belasten, sowie für bezahlbare, lokal erzeugte Energie, um die Abhängigkeit von Öl- und Gas zu verringern.
Zugleich sollte die soziale Dimension klarer benannt werden: Viele Menschen fragen sich, warum ihnen am Ende des Monats weniger Geld bleibt und ob ihr Lebensstandard langfristig gesichert ist. Diese Sorgen müssen offen angesprochen und ehrlich beantwortet werden. Aus meiner Sicht ist das entscheidend, um den Nährboden für rechtspopulistische Kräfte zu verringern, die gezielt mit Ängsten arbeiten und diese mit ausgrenzenden Narrativen aufladen. Das ist auch mein Anspruch im Gemeinderat, diese Problematik auf die Tagesordnung zu bringen, auch wenn diese in diesem Gremium nicht lösbar, sondern höchstens verringerter sind“, meint Sebastian Endres.
Und gab es sonst noch Hilfe von der Partei?
„Tatsächlich fühle ich mich durch die engmaschigen Info-Veranstaltungen und Online-Schulungen, wie ‚Einführung in die Kommunalpolitik‘ schon gut vorbereitet und vernetzt. Ich habe viele Unterstützungsangebote bekommen. Das tut gut“, betont Tanja und blickt voraus: „Aktuell steht bei mir an, die Ortsgruppe aufzubauen und aktiv mit der Gemeinderatsarbeit zu beginnen. Meine erste Sitzung ist erst Anfang Mai. Ich fühle mich mit den Online-Fortbildungen der Linken gut auf die Arbeit im Gemeinderat vorbereitet.“
In einer konservativen Gegend für Die Linke anzutreten, gab es da Ärger?
Tanja Ulrich: „Es kamen schon Bemerkungen wie: Du bist ja ganz nett, aber die Linke kann man nicht wählen. Meine Strategie war, zuhören, hinterfragen und Position beziehen. Im Kontakt bleiben, nicht wegducken, nicht angreifen. Gleichzeitig habe ich von anderen Menschen viel positiven Zuspruch erhalten. Ich wurde dazu teilweise beim Einkaufen, auf der Straße oder per Textnachricht ermutigt. Die besten Gespräche und schönsten Erfahrungen habe ich aber bei den Haustürgesprächen erlebt. Viele Menschen waren mir gegenüber sehr offen und interessiert. Auch ich habe dabei viele neue Menschen kennengelernt und viele interessante Infos und Ideen über und für unsere Gemeinde bekommen. Vor allem auch unsere Themen haben den Leuten gefallen, da oft beklagt wurde, dass man sich auf dem Dorf kaum mehr kennt und nicht mehr so häufig zusammenkommt.“
Links:
- https://digital.die-linke.de/lissi/