Linke Mehrheiten organisieren mit einer neuen Erzählung der Arbeit
Ates Gürpinar beschreibt sehr eindrücklich die politischen Chancen und die Aufgaben, die vor uns liegen. Nicht als Widerspruch, eher als Ergänzung in der laufenden Strategie- und Programmdebatte möchte ich dazu einige Anmerkungen machen. Gerade die Frage der Erneuerung des Wohlfahrtsstaates und der Arbeit als Gegenmaßnahme zur immer weiter um sich greifenden Faschisierung treibt mich um.
Aufklärung statt Mythen
Die globale Faschisierung ist ein politisch-kultureller Rückschritt, ein antiaufklärerischer Angriff auf vieles, was sich Menschen in langen (gewerkschaftlichen) Kämpfen erarbeitet haben und wofür sie auch gelitten haben. Sie spielt mit Ängsten, arbeitet mit Mythen und Ressentiments und dient am Ende doch vor allem dazu, Macht und Reichtum bei den Wenigen zu konzentrieren, die sowieso schon alles haben. Eine Art Evolution des Neoliberalismus, nur eben autoritärer und schlicht brutaler. Die Rechte verspricht Ordnung, indem sie Spaltung organisiert. Sie verspricht Freiheit, während sie Menschenrechte angreift und relativiert. Ich finde, unsere Antwort darauf muss ziemlich klar sein: Aufklärung bleibt ein zentraler linker Ansatz. Sie zeigt Zusammenhänge, schafft Orientierung und macht sichtbar, wie sehr faschistische Bewegungen die Lebensbedingungen der Vielen zerstören – nicht Klassen verbinden, sondern spalten. Nie zu ihrem Nutzen, immer zum Nutzen der Reichen da oben.
Gleichzeitig merke ich: Aufklärung allein reicht halt nicht. Menschen brauchen Orte und Zeiten, in denen sie ihr Leben wirklich selbstbestimmt gestalten können, und eine solidarische Vision, die mehr bietet als nur das „Dagegen“ zur autoritären Rechten. Seit Jahren beobachten wir eine zunehmende Individualisierung, verstärkt durch die Logiken sozialer Medien. Das führt zu verkürzten Selbstdarstellungen und begünstigt Mechanismen, die Rechte wie Kapital sehr bewusst nutzen: Vereinzelung, permanente Empörung und die Entwertung von kollektiver Verständigung. Wir neigen im verständlichen Bedürfnis nach Zuspitzung oft zu schnellen Antworten und moralischen Reflexen, statt tragfähige politische Kompromisse und Lösungen zu suchen, auf deren Grundlage eine Strategie wachsen kann, die echte kollektive Weiterentwicklung ermöglicht.
Ich will Zuspitzung gar nicht schlechtreden, im Gegenteil: Propaganda im guten Sinn hat ihren Platz. Aber sie braucht ein fundiertes Gerüst und muss Teil einer übergreifenden Strategie sein. So eine Strategie fällt halt nicht vom Himmel, sie muss erarbeitet, breit diskutiert und gemeinsam geschärft werden. Das schließt den Kampf um kulturelle Hegemonie mit ein: also die Frage, was gesellschaftlich sagbar, diskutierbar und erstrebenswert ist – und was einfach nicht salonfähig sein darf und weggedrückt werden muss. Für mich ist wichtig: Es geht beim „Wegdrücken“ nicht um Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Im Gegenteil: Meinungsfreiheit braucht einen kulturellen Grundkonsens, der Menschenwürde schützt und menschenverachtende Ideologien nicht normalisiert.
Eine neue Vision von Arbeit
Unsere Mietenkampagne ist ein erfolgreiches Beispiel für verbindende Klassenpolitik. Die Linke wirkt hier gleich auf mehreren Ebenen, ihre Strategie wird sichtbar und wirkungsmächtig. Zum einen programmatisch mit Konzepten wie dem Mietendeckel als Antwort auf den realen Mietennotstand. Zum anderen aber auch ganz praktisch als Partei des Alltags, mit konkretem Nutzen für die Leute. Die Mietwucher-App der Bundestagsfraktion oder der Heizkostencheck der Bundespartei sind da gute Beispiele: Sie verbinden politische Forderungen mit unmittelbarer Unterstützung. Um solche Angebote lassen sich Menschen organisieren: im Kiez, in Mieterinitiativen, an den Haustüren. Und genau auf diesen materiellen Erfahrungen von Solidarität und Wirkungsmächtigkeit lässt sich doch eine weitere Vision in einem weiteren lebensbestimmenden Politikfeld aufbauen: dem der Arbeit. Unser Reden und Nachdenken über die lebensnotwendige Arbeitswelt sollte über das – trotzdem wichtige und richtige – „Löhne rauf!“ hinausgehen.
Gerade im Feld Arbeit befinden sich linke Bewegungen und Gewerkschaften seit Jahren im Abwehrkampf. Einzelerfolge ändern nichts daran, dass die Debatte kippt: Im letzten Jahr wurde von „Leistung“, 50-Stunden-Wochen und der angeblichen „Faulheit“ der Bürgergeldbezieher*innen geredet, mit der Tendenz, dass sich 2026 der Ton weiter verschärft. Die Gegenstimmen der Linken sind dafür oft zu leise. Nicht, weil wir nichts zu sagen hätten, sondern weil wir zu den richtigen Forderungen zu selten eine wirklich attraktive Vision einer neuen Arbeitswelt formulieren. Statt zwischen „mehr und gute Lohnarbeit“ und einer abstrakten Grundeinkommensdebatte hin- und herzupendeln, könnten wir doch ein Modell stark machen, in dem es um ein selbstbestimmtes Leben für alle geht – und nicht bloß um die Abmilderung der schlimmsten Folgen der Lohnarbeitsknechtschaft, halt dann mit guter Bezahlung.
Das wird, glaube ich, umso wichtiger, weil wir am Anfang (oder vielleicht schon mitten drin) einer kulturell-technischen Revolution stehen. Künstliche Intelligenz ist da nicht einfach „noch eine Maschine“, die halt ein bisschen schneller rechnet. Sie ist ein neues, mächtiges Werkzeug. Alles andere ist – noch – Science-Fiction. Aber dieses Werkzeug durchdringt jetzt schon Arbeitswelt, Bildung, Verwaltung, Kultur. Es eröffnet einen demokratischeren Zugang zu Informationen, zu Analyse- und Gestaltungsmöglichkeiten, die bisher bestimmten Milieus vorbehalten waren. Gleichzeitig droht es zu kippen, wenn wir uns dieser Technologie nicht von links annehmen: Wenn KI bloß zur Profitmaximierung, zur Kontrolle oder zur Produktion endloser Ablenkung eingesetzt wird, verstärkt sie den „Brainrot“, den wir heute schon bei exzessiver TikTok-Nutzung sehen – kognitive Verarmung statt kollektiver Emanzipation. Schon mehrfach haben wir uns eine Technologie wegnehmen lassen, weil wir die Eigentumsfrage nicht in unserem Sinne entscheiden konnten. In den 90ern konnten wir zum Beispiel Frage „Wem gehört das Internet?“ nicht beantworten und jetzt, wo wir in der kommunikativen Abhängigkeit von großen privaten Konzernen feststecken, darf uns dies bei KI nicht noch einmal passieren! Auch wenn es unter den aktuellen Bedingungen eine sehr große globale Herausforderung darstellt.
Gerade deshalb ist es für mich entscheidend, dass wir KI als Werkzeug für gesellschaftliche Planung, Produktion und Demokratisierung denken. Nicht als Feind oder Wundermaschine. Wenn immer mehr Denkaufgaben von Systemen übernommen werden, ist die politische Frage nicht, ob wir das technisch stoppen können, sondern wer dieses Werkzeug kontrolliert und wofür es eingesetzt wird. Die gesellschaftliche Linke muss sich die KI aneignen: theoretisch, praktisch, organisatorisch. Klar, viele Linke – gerade auch Intellektuelle – empfinden es als Bedrohung, wenn Fähigkeiten, auf die man stolz ist, plötzlich teilautomatisiert werden. Aber genau da liegt doch auch eine Chance: Wenn wir die Produktivitätsgewinne durch KI und auch den Betrieb und ihre Entwicklung nicht den Konzernen überlassen, können wir sie für eine bedürfnisorientierte Planung, gerechtere Verteilung von Arbeit und Zeit nutzen. Eben nicht nur im Büro, sondern auch ganz konkret bei der Arbeitserleichterung der Handwerker um die Ecke, die sich dann vielleicht weniger mit Bürokratie rumschlagen müssen.
Und da würde ich gern eine Brücke schlagen: Wir müssen über den alten Sozialstaat hinaus! Ich glaube, ein Weg dahin kann sein, den Wohlfahrtstaat planungsfähiger zu machen. Nicht als autoritär von oben, sondern als demokratische Fähigkeit, Bedürfnisse besser zu erkennen und Ressourcen sinnvoller einzusetzen. Wenn wir ehrlich sind: Heute verschwenden wir Vieles – durch Überproduktion, Fehlplanung, doppelte Strukturen, Marketingbudgets, diese ganze „Kauf halt noch mehr“-Maschinerie. Das frisst Geld, Energie und Lebenszeit. Und genau das fehlt dann bei Gesundheit, Pflege, Bildung, sozialer Sicherheit.
KI könnte – wenn wir sie uns politisch und konkret aneignen – ein Lösungsansatz als Rechen- und Koordinationshilfe sein. Damit kann man Bedarf und Versorgung besser zusammenbringen: in Kommunen, im Gesundheitswesen, bei Energie, Mobilität, Handwerk und Verwaltung (weniger Leerläufe, weniger Bürokratie, weniger blindes Gegen-die-Wand-Rennen). Ganz praktisch: Wenn wir genauer wissen, was gebraucht wird, wo es fehlt und wie man Ressourcen fair verteilt, dann kann auch der Sozialstaat wachsen, weil er nicht ständig gegen die Verschwendung im Markt anrennen muss. Und ja: Datenschutz, Transparenz, demokratische Kontrolle der KI muss sein. Wenn wir dabei von US Konzernen abhängig wären, wird es nichts.
Und jetzt kommt die Verbindung zur Aneignungsfrage: So eine bedürfnisorientierte Planung funktioniert am Ende nur, wenn die Produktions- und Versorgungsbereiche, die für alle wichtig sind, nicht ausschließlich nach Rendite gesteuert werden. Sonst wird aus Planung schnell wieder Profitoptimierung. Heißt: KI als Werkzeug kann die Tür sozusagen öffnen. Aber durchgehen können wir nur, wenn wir zugleich über Vergesellschaftung, Mitbestimmung, Beschäftigtenhand und öffentliche Daseinsvorsorge reden. Also nicht: erst Wohlfahrtsstaat, und irgendwann mal Eigentumsfrage. Sondern: Wohlfahrtsstaat weiterentwickeln und an den Knotenpunkten der Produktion und Versorgung demokratische Verfügung erkämpfen und damit auch radikale Arbeitszeitverkürzung ermöglichen. Sonst planen wir am Ende bloß effizienter in die falsche Richtung.
Eine linke Vision könnte dann lauten: Eine nicht private kostenlose KI betrieben in einer Anstalt öffentlichen Recht als Instrument eines demokratischen, gemeinwohlorientierten Wohlfahrtsstaates mit Planung von Produktion, (sozialen) Dienstleistungen und dem Ziel einer radikalen Arbeitszeitverkürzung. Statt nur über Effizienz und Jobverluste zu reden, könnten wir offensiv sagen: weniger Lohnarbeit für alle, abgesichert durch starke öffentliche Infrastruktur, gute Löhne, echte Mitbestimmung. Mehr Zeit für Beziehungen, Bildung, Kultur und Politik. Menschen, die sich persönlich begegnen und miteinander streiten, statt isoliert gegeneinander ausgespielt zu werden, entwickeln Empathie. Und das ist, glaube ich, ein ziemlich wirksames Gegengift gegen faschistische Versprechen.
Was heißt das jetzt praktisch für Die Linke?
Gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen wir nicht allein durch Öffentlichkeitsarbeit, sondern in ganz konkreten Auseinandersetzungen: im Betrieb, an der Haustür, in der Nachbarschaft. Wenn wir die Verbindung von Mietenpolitik, neuer Arbeits- und Sozialstaatsvision und linker Technikpolitik ernst nehmen, dann müssen wir genau da hin bzw. so weitermachen und durchhalten. Rein mit unserer Vision in die Debatten im Betrieb, an die Haustüren: gut zuhören, Widerspruch aushalten und Rückkoppeln. Aber immer unsere Ideen selbstbewusst einbringen. Echte Gespräche führen, mit echtem Interesse an den Erfahrungen und Realitäten der Leute – jenseits von reiner Stimmenmaximierung, aber natürlich auch im Wahlkampf.
Dazu gehört auch, dass wir unsere eigenen Ressourcen besser zusammenbringen, Fragen entwickeln und diese stellen. Ein naheliegender Schritt wäre zum Beispiel, eine Debatte über die Zukunft von Arbeit und Sozialstaat unter Einschluss von KI zu initiieren. Mit Expert*innen im nächsten Umfeld: Eine Diskussion mit dem wissenschaftlichen Beirat, den Vertrauensdozent*innen der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Parteivorstand. Auf dieser Grundlage könnten wir auf Parteitagen und in eigenen Konferenzen – und ich würde sagen: bitte nicht nur online – weiterarbeiten und unsere gesellschaftlichen Partner*innen einbeziehen: Gewerkschaften, Sozialverbände, linke Gruppen, Initiativen. Wichtig wäre mir, dass solche Runden nicht im Abstrakten hängen bleiben, sondern sich an die Vision immer eine Handlungsebene anschließt: nächste Schritte, konkrete Kampagnenideen, Bildungsangebote, Organizing-Konzepte vor Ort.
Langfristig brauchen wir für die Visionsvermittlung eine eigene Gegenöffentlichkeit um die globale Rechte zurückzudrängen. Darin müssen unsere Debatten und Visionen dauerhaft sichtbar werden. Nur auf wohlmeinende Medienberichte zu hoffen, wird nicht reichen. Vor Ort brauchen wir gut ausgebildete Kommunikator*innen, die unsere Inhalte sicher, verständlich und trotzdem authentisch vertreten können, und ein breites Netzwerk an Strukturen das sie einbindet. Daraus ließe sich ein eigener Nachrichten- und Kommunikationskanal entwickeln, der auf verschiedenen Plattformen mit journalistischem Anspruch linke Analysen und Visionen transportiert.
Die strategische Aufgabe der Linken ist damit doppelt: einerseits die Abwehr gegen die globale Rechte zu organisieren, andererseits ein Bild einer solidarischen Zukunft zu entwerfen, das technologischen Fortschritt mit menschlicher Freiheit verbindet.
Radikale Arbeitszeitverkürzung, demokratische Kontrolle neuer Technologien, eine neue Definition von Arbeit und Sozialstaat und das konsequente Fortführen der starken Mietenpolitik.
Das alles kann gesellschaftliche Mehrheiten gewinnen, weil es die Lebensrealität der Leute verbessert und Hoffnung schafft.
Wenn wir diese Debatte führen, organisiert, offen und im konstruktiven Streit, erweitern wir nicht nur die strategischen Möglichkeiten der Partei. Wir schaffen auch die Grundlage dafür, dass Menschen uns nicht nur als Schutzschild gegen rechts sehen, sondern als Ort, an dem man gemeinsam an einer guten Zukunft basteln kann. Und ich glaube, genau da liegt unsere eigentliche Stärke.