Wenn das Leben wie die Festa wäre - 50 Jahre Festa do Avante!
Die Linke war bei der Festa do Avante! der portugiesischen Kommunisten zu Gast. Unsere Autorin ist sicher: Von diesem Fest können wir lernen, was gemeinsam alles möglich ist.
Sommer, Sonne, Sozialismus – was in Deutschland ein beliebtes Motto von Veranstaltungen linker Organisationen in der warmen Jahreszeit ist, erhält in Portugal durch die Portugiesische Kommunistische Partei (PCP) jährlich im September die Bedeutung einer Perspektive, für die es sich zu kämpfen lohnt. Anfang September fand die 50. Festa do Avante! [1]statt.
Verankert in der Nelkenrevolution
Kurz nachdem sich ein Bündnis aus Streitkräften und Bevölkerung am 25. April 1974 [2]gegen das faschistische Regime erhob und damit eine jahrzehntelange repressive Herrschaft beendete, erschien die erste legale Ausgabe der fortan als Wochenzeitung erscheinenden Avante! („Vorwärts!“). Im Jahr 1976 fand das erste Pressefest Festa do Avante! statt. Es war zum einen Ausdruck der durch die Nelkenrevolution gewonnenen Freiheit, aber auch Aufruf zur Verteidigung selbiger, nachdem die Entwicklung Portugals zwischen sozialistischer Perspektive und liberalem Kapitalismus zunächst zugunsten des letzteren entschieden wurde.
Seither steht das politische Festival in der Tradition der Errungenschaften des 25. April: soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden. Das Geburtsjahr teilt sich die Festa mit der Verfassung der Portugiesischen Republik. Trotz mehrfacher Änderungen durch die rechten Parteien ist das Schriftstück bis heute die Grundlage für entscheidende Rechte der lohnabhängigen Bevölkerung und für linke Politik. So bekräftigt die Präambel doch den Willen der verfassungsgebenden Versammlung, den Weg zu einer sozialistischen Gesellschaft zu verteidigen. Bei der 50. Ausgabe der Festa war der Verfassung deswegen eine über das gesamte Festivalgelände verstreute Ausstellung von einzelnen Artikeln gewidmet.
Dieses Fest wird gemeinsam organisiert
Die Festa do Avante! ist das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit der Parteiorganisationen. Von April bis September bauen Kommunistinnen und Kommunisten sowie Sympathisanten aus dem ganzen Land die Festa auf. Sie zimmern Stände, schließen Strom und Wasser an, gestalten Wandbilder und entwerfen den Schichtplan für die Versorgung der Gäste. Überall präsent: Losungen der Partei. In diesem Jahr erklären Wandbilder internationale Solidarität mit dem von der US-Energieblockade erdrosselten kubanischen Volk, mit den Palästinenserinnen und Palästinensern im Gazastreifen und im Westjordanland, der von Marokko besetzten und ausgebeuteten Westsahara und vielen weiteren. Die regionalen Verbände der Partei bieten an ihren Buden und Ständen lokale Speisen, Handwerksprodukte sowie Diskussionsveranstaltungen und Kulturprogramme. Ihre Wandbilder und Auslagen fordern den Erhalt der regionalen Lebensmittelproduktion oder den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs.
Die Festa vereint Musik, Kultur, Sport und Kunst an einem Ort: Den über 100.000 Gästen wurde ein Programm mit mehr als 60 Konzerten geboten: von Rockmusik über Rap und Popmusik, hin zu traditionellen Gesängen und klassischer Musik vom Symphonieorchester Lissabon. Dazu gibt es Filme, Theater und sportliche Wettkämpfe, aber auch Chemieexperimente, Workshops zum Erlernen der Gebärdensprache und verschiedene Handwerken. Flohmärkte und Bücherzelte ergänzten das umfangreiche und bunte Programm für alle Interessen, Gemüter und Altersgruppen.
Kampf um das gute Leben und internationale Solidarität
Die politischen Diskussionsveranstaltungen drehten sich um die Frage der hohen Lebenshaltungskosten und der internationalen Kriegsgefahr. Nicht nur die Merz-Regierung führt einen Feldzug gegen Pappkameraden wie „Lifestyle-Teilzeit“. Derzeit laufen in ganz Europa die Angriffe auf Arbeitnehmerrechte und Sozialversicherungen. Die rechtskonservative Minderheitsregierung um Ministerpräsident Luís Montenegro kündigte im Juli 2025 umfassende Arbeitsreformen an. Das sogenannte „Pacote laboral“ sah Maßnahmen wie die Aufweichung des Kündigungsschutzes, Erleichterungen für die Befristung von Arbeitsverträgen, die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und Angriffe auf das Streikrecht vor. Für die parlamentarische Mehrheit wären die Stimmen der rechtsextremen Partei Chega („Es reicht“) notwendig gewesen.
Doch es kam anders: Mit zwei Generalstreiks[3], ausgerufen durch die beiden Gewerkschaftsdachverbände CGTP und UGT, sowie tausenden Kundgebungen und Demonstrationen im ganzen Land erkämpften die Beschäftigten eine parlamentarische Niederlage für die Arbeitsreformen. Auf der Festa wurden diese Kämpfe in zahlreichen Debatten und Reden ausgewertet: „Es war die Kampfbereitschaft der Lohnabhängigen, die das Pacote laboral zum Fall gebracht hat“, so PCP-Generalsekretär Paulo Raimundo auf der Abschlusskundgebung.
Im Espaço Internacional, dem internationalen Bereich, stellten sich linke Bewegungen und Parteien aus aller Welt vor. Zwischen den Ständen klärten Ausstellungstafeln über die Hochrüstung der EU auf oder diskutierten internationale Gäste auf Podiumsdiskussionen darüber, wie der Frieden verteidigt werden kann. Internationalistische Momente gab es verstreut auf dem gesamten Festivalgelände: von Wandsprüchen über Kundgebungen bis hin zur Abschlusskundgebung, auf welcher der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel in einem Grußwort die internationale Dimension der globalen Rechtsentwicklung, der Hochrüstung und der Offensive des Imperialismus betonte. Seine bewegenden Worte angesichts der verheerenden Notsituation der Kubanerinnen und Kubaner wurden mit stehenden Ovationen bedacht.
Was wir als Linken mitnehmen können
Was können wir als internationale Teilnehmer aus dem Besuch der Festa nach Deutschland mitnehmen?
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Linke Orte in Deutschland erhalten: Seit der ersten Ausgabe ist nur eine Festa ausgefallen: Im Jahr 1987 verweigerten Lissabons Stadtverwaltung und die Regierung den Kommunisten das Gelände. Die PCP zog daraus Konsequenzen: Über eine Spendenkampagne erwarb sie 1989 die Quinta da Atalaia in Seixal südlich von Lissabon, wo die Festa seit 1990 stattfindet. So konnte die Partei auch in den Pandemiejahren die Festa mit begrenzter Besucherzahl und Abstandsregeln ausrichten und zeigen, dass kulturelles Leben und Teilhabe den Krisen nicht zwangsläufig zum Opfer fallen müssen. Ein eigenes Gelände bedeutet Unabhängigkeit. Wahlerfolge der extremen Rechten, der autoritäre Umbau im Rahmen der „Zeitenwende“ und auch der traditionelle bundesdeutsche Antikommunismus machen erforderlich, dass wir linke Orte als solche bewahren. Ein kleiner, in der Wirkung aber nicht zu unterschätzender Beitrag dazu wäre, dass Gliederungen der Linken sich bemühen, das Hotel am Wald im thüringischen Elgersburg[4] als geschichtsträchtiges ehemaliges Haus der Internationalen Roten Hilfe als Tagungsort zu buchen.
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Linke Festkultur erhalten und ausbauen: Mit der Festa do Avante! zeigt die PCP, dass Politik mehr ist als der Schlagabtausch von Spitzenpolitikern. Die Ausrichtung der Festa gehört zum Selbstverständnis wie die Arbeit in den Parlamenten. Parteimitglieder und Interessierte können hier erleben, was erreichbar ist, wenn Kooperation, Kultur, Teilhabe und Solidarität im Mittelpunkt stehen. Auch wir haben unsere linke Festkultur. Das größte bundesweite Fest, an dem sich Organisationen unserer Partei beteiligen, ist die Fiesta de Solidaridad von Cuba Sí, die den kubanischen Nationalfeiertag jährlich in Berlin mit einem Programm aus politischen Debatten, Musik und Kultur begeht. Die Fiesta sollte erhalten, mit der Unterstützung der Linken ausgebaut und vor allem zahlreich besucht werden. Das Fest der Linken[5], das 2008 aus dem Pressefest des "Neuen Deutschland"[6] hervorging und 2019 – sieht man von zwei digitalen Ausgaben 2020 und 2021 ab – das letzte Mal stattfand, sollten wir wieder ausrichten. Das wäre ein Gegenprogramm zur kulturellen Verrohung durch Jahrzehnte neoliberaler Politik und die jetzt geplante Verelendungsagenda von Friedrich Merz: Ein Fest der Linken, auf dem wir unsere Erfolge feiern, unsere Niederlagen debattieren und die Bevölkerung zum Mitkämpfen einladen.
Keine Katerstimmung nach der Festa
Die 50. Ausgabe der Festa waren drei Tage Kultur, Politik, Freundschaft, Solidarität und Einigkeit darüber, dass ein Leben in Würde kein Privileg sein darf. Sie hat Kraft und Mut gegeben für die Auseinandersetzungen, die uns bevorstehen. Es bleibt die Frage, die der Kommunistische Jugendverband zum Motto für sein Festivaldorf machte: Und wenn das Leben wie die Festa wäre?
Noch mehr tolle Fotos vom Festival findet ihr hier: Festa do Avante 2026[7]
Links:
- https://www.festadoavante.pcp.pt/
- https://www.rosalux.de/mediathek/media/element/2495
- https://www.spiegel.de/wirtschaft/portugal-generalstreik-legt-weite-teile-des-landes-lahm-protest-gegen-arbeitsmarktreform-a-50ffaf1f-0fed-4122-9728-e418dda1427b
- https://www.hotel-am-wald.com/
- https://www.fest-der-linken.de/programm
- https://www.nd-aktuell.de/
- https://www.flickr.com/photos/festadoavante